Workshop-Archiv

Schlagzeugwerkstatt - Balance und Ergonomie

Tommy Resch
Tommy Resch

Hallo zusammen! Wir beginnen nun mit einer neuen Workshopserie, die man auch »Back to the Basics« betiteln könnte. Die Reihe ist aber nicht nur für Schlagzeugneulinge gedacht, und so wird hoffentlich auch manch erfahrener Drummer die ein oder andere Anregung mit mir teilen.

Lange habe ich überlegt, welche Themen denn in unsere neue Workshopreihe einfließen müssen: »Einstellen von Fußmaschinen« ist natürlich dabei sowie Fragen wie »Wie stellen wir unser neu erworbenes Schlagzeug auf?«, »Wie bekommt eine Hihatmaschine einen sicheren Stand?«, »Wie finde ich 'meine' Drumsticks?« und viele mehr. So weit, so gut. Also habe ich im Netz recherchiert und bin auch da auf Anregungen gestoßen, welche mir helfen, diese Bereiche ausführlich zu besprechen.

Bedingt durch meine langjährige Unterrichtstätigkeit habe ich immer wieder Schlagzeugschüler – meist Anfänger –, solche, die schon länger trommeln, aber auch erfahrene Leute, die 'plötzlich' nicht mehr so entspannt spielen können, wie es lange Zeit der Fall war. Oft liegt das Problem in der nicht vorhandenen bzw. nicht ausreichenden Balance beim Sitzen, dem damit verbundenen Bewegen der Füße und Beine sowie dem Abstand zu den Pedalen. Deswegen habe ich mal »Balance beim Schlagzeugspielen« in die Suchmaschinen eingegeben – und nicht wirklich Informationen finden können! Grund genug also, diesen grundsätzlichen Aspekt einmal zu besprechen. Ein verwandtes Thema ist übrigens auch »Ergonomie beim Schlagzeugspielen«, was u. a. auch mit unserem Abstand zu den Trommeln, der Sitzhöhe und der jeweiligen Spieltechnik zu tun hat.

Was bedeutet der so oft verwendete Begriff Ergonomie eigentlich? – Nun, die Ergonomie ist die Wissenschaft von der Gesetzmäßigkeit menschlicher Arbeit. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern »ergon« (Arbeit, Werk) und »nomos« (Gesetz, Regel) zusammen. Zentrales Anliegen der Ergonomie ist die Schaffung geeigneter Ausführungsbedingungen (Sitzhöhe, Abstand) für die Arbeit des Menschen und die Nutzung technischer Einrichtungen und Werkzeuge (Pedale, Trommeln), wobei neben der menschgerechten Gestaltung des Arbeitssystems (genauer des Arbeitsraumes) vor allem die Verbesserung der Mensch-Maschine-Schnittstelle (Stöcke, Pedale) zwischen Benutzer und Operateur (Mensch) und Objekt (Maschine) in einem Mensch-Maschine-System besondere Bedeutung besitzt. Puh! Ein Ziel der Ergonomie ist es also, handhabbare und komfortabel zu nutzende Produkte herzustellen (das haben, meist auch zufriedenstellend, die Schlagzeughersteller für uns erledigt). Ein anderes ist die »ergonomische« Arbeitsgestaltung, bei der es darauf ankommt, eine effiziente und fehlerfreie Arbeitsausführung (in unserem Fall das Trommeln) sicherzustellen und uns vor gesundheitlichen Schäden (Wirbelsäule, Muskeln, Bänder) auch bei langfristiger Ausübung einer Tätigkeit zu schützen. Nun aber erst einmal Schluss mit der Theorie!

Eine praktische Geschichte ist zu erzählen, welche mich ebenfalls bestärkt hat, mit dem Thema »Balance und Ergonomie « zu beginnen: Ein langjähriger, früherer Schlagzeugschüler hat mich wieder einmal aufgesucht und berichtet, dass er seit über zwei Jahren unter Rükkenproblemen leide, er weiterhin nicht mehr mit dem rechten Fuß die Bassdrum spielen könne, weil er nach kurzer Zeit verkrampfe und in der Hektik um die steten Auftritte am Wochenende jetzt fast alles (außer Doublebasspattern) mit dem linken Fuß spiele (????). – Ich war genauso überrascht wie ihr!

Nach vielen Gesprächen, dem Vorspielen bei mir in der Schule und der Analyse eines DVD-Livemittschnitts haben wir aber die Probleme über den Zeitraum eines halben Jahres jedoch nahezu in den Griff bekommen. Das Ganze in Kurzform: Zum einen wurde eben auch vor zwei Jahren ein neues Drumset nebst neuem Hocker gekauft, schnell mal aufgestellt und dann die Gigs gespielt. Also haben wir die Fußmaschinen eingestellt, die Bassdrums gestimmt, die Sitzposition bzw. -höhe überprüft und korrigiert sowie entsprechend Snare und Toms nachgerückt, nach dem nächsten Auftritt die Auswirkungen besprochen und entsprechend feinjustiert. Mit den erwähnten Rückenschmerzen hatte mein Schüler schließlich bereits eine Odyssee an Arztbesuchen hinter sich, und alle Orthopäden haben mit Schmerzmitteln und Spritzen reagiert – was natürlich keineswegs die Ursache ausgeräumt hat.
Unter Mithilfe einer Physiotherapeutin haben wir festgestellt, dass Rücken- und Bauchmuskulatur einfach nicht stark genug waren, um am Wochenende zwei Auftritte von je vier Stunden zu spielen, so wie auch die Kraft der Beine zu wünschen übrig ließ. Also wurde in der Reha (auf Rezept vom Doc) ein Programm zusammengestellt, welches die entsprechenden Muskelbereiche aufbaut. Mit diesen Erfahrungen samt erarbeitetem Trainingsplan hat mein 'Patient' in einem Fitnessstudio dreimal wöchentlich weiterhin trainiert und die Rückenschmerzen so in den Griff bekommen. Die wichtigste Erkenntnis hierbei war: Selbst ist der Mann! Sich auf Spritzen und Tabletten zu verlassen, ist der falsche Weg. Unseren Muskelapparat müssen wir schon selbst – mit entsprechendem Zeitaufwand – funktionierend bereitstellen, um am Wochenende zwei Gigs mit vier Stunden Dauer entspannt spielen zu können.

Jetzt hatten wir nur noch folgende Herausforderung zu bewältigen: Beim Trommeln so um die 100 Schläge pro Minute und einfachst gesetzten Bassdrumpattern (auf »1« und »3«) hat sich in kürzester Zeit die komplette rechte Beinmuskulatur wieder verkrampft! Wir haben also die Bewegungsabläufe besprochen und mussten eigentlich nur ein wenig in der Höhe der Ausführung (Ferse) zugeben und die Position der Fußspitze am Pedal korrigieren. Da das 'Krampfen' bei Auftritten nicht in den Griff zu bekommen war, haben wir uns dann noch auf das linke Bein konzentriert, und damit sind wir beim Thema »Balance«: Benutzen wir die »heel down«-Technik, sind wir auf der sicheren Seite, da unsere »Dreipunktauflage « über die Ferse zu jedem Zeitpunkt bestehen bleibt. Der Bewegungsablauf, den wir als Rechtsfüßler (oder Linksfüßler) bei der »heel up«-Technik aufbauen, benötigt oft eine Gegenbewegung oder Stütze, um den Oberkörper in Balance zu halten (das verdeutlicht auch das einzelne Bild auf der linken Seite). Ist einer der Auflagepunkte instabil, 'kippen' wir zur Seite oder müssen mit dem Oberkörper ausgleichen – doch Genaueres dazu im nächsten Heft.

Abschließend zu diesem einleitenden Workshop noch einige Tipps und Trokkenübungen (ohne Pedale): Aufrechtes Sitzen ist immer Pflicht – zum einen wegen der Balance, zum anderen pflegen wir damit unsere Bandscheiben. Wir sitzen vorn am Hocker, denn das fördert eine aufrechte Sitzposition und gibt den Oberschenkeln auf der Unterseite die Freiheit, die sie zum Spielen brauchen. Ein leichtes Abfallen der Oberschenkel (auf den Bildern evtl. etwas zu steil) fördert auch eine gesunde Sitzposition und den »Energiefluss« auf die schräg angeordneten Trittplatten.

Das Schienbein hat einen kleinen Winkel nach vorne. Sind die Füße zu nah bei uns (negativer Winkel des Schienbeins), so besteht wenig Balance und kaum ausreichender Energiefluss auf die Trittplatte. Wir spielen mit der Muskulatur der Waden bzw. über die Bewegung der Ferse – und nicht über das Anheben eines oder beider Beine!!! Wir werden diesen Workshop in der nächsten Ausgabe mit weiteren Anregungen und Trockenübungen fortsetzen.

In diesem Sinne, Tommy Resch

»Dreipunktauflage«: 2 x Füße, 1 x Gesäß
»Dreipunktauflage«: 2 x Füße, 1 x Gesäß
Rücken gerade - Füße guter Abstand
Rücken gerade - Füße guter Abstand
gekrümmte Sitzposition
gekrümmte Sitzposition
Füße zu nahe - wenig Balance
Füße zu nahe - wenig Balance
Ferse hoch über Wadenmuskulatu
Ferse hoch über Wadenmuskulatu
Bein anheben bringt uns...
Bein anheben bringt uns...
aus der Balance
aus der Balance

Workshops aus drums&percussion Januar/Februar 2010