Die seltsamste Band des Jahres und warum ihre Rhythmik so viele packt: Angine de Poitrine

Angine de Poitrine

Über diese Band spricht gerade die ganze Musikszene und das ausnahmsweise völlig zu Recht: Angine de Poitrine

Plötzlich sind sie überall

Es gibt Bands, die wegen eines kuriosen Bildes für ein paar Tage durch die Timelines schießen und dann wieder verschwinden. Und es gibt Bands, bei denen man schon nach wenigen Sekunden merkt, dass hinter der Irritation ein echtes musikalisches System steckt. Angine de Poitrine gehören eindeutig in die zweite Kategorie. Seit KEXP Anfang Februar 2026 seine in Rennes aufgezeichnete Session des Duos veröffentlichte, ist aus einer Szenegröße aus Québec ein international diskutierter Name geworden. KEXP berichtete am 25. März bereits von mehr als 7,5 Millionen YouTube Aufrufen und weiteren 6 Millionen Instagram Views für Ausschnitte der Session. Parallel dazu erschienen große Texte bei Pitchfork und Guitar World, die das Duo nicht mehr als bloße Kuriosität, sondern als ernstzunehmendes Ereignis behandelten.

Mehr als nur ein starkes Bild

Das Faszinierende an Angine de Poitrine ist, dass man die Band zunächst fast zwangsläufig über das Bild wahrnimmt. Zwei gepunktete, maskierte Figuren betreten die Bühne und sehen aus, als kämen sie aus einem surrealen Fernsehtraum. Aber dieser erste Reiz trägt nur deshalb so weit, weil er von einer starken musikalischen Idee gedeckt wird. Klek de Poitrine sitzt am Schlagzeug, Khn de Poitrine bedient mikrotonale Gitarren, Bass und Looping. Die offizielle Bandseite beschreibt Angine de Poitrine ausdrücklich als anonymes Kunstprojekt und als ein instrumentales Konzept, das aus dem Hinzufügen und Wegnehmen von Motiven lebt. Genau deshalb wirken die Masken nicht wie Dekoration, sondern wie ein organischer Teil der ästhetischen Welt dieser Band.

Warum die KEXP Session so stark funktioniert

Auch die viral gegangene KEXP Session funktioniert nicht bloß, weil diese beiden Figuren so spektakulär aussehen. Sie funktioniert, weil die Fremdheit vom ersten Takt an musikalisch organisiert ist. Die Session wurde am 4. Dezember 2025 beim Festival Trans Musicales in Rennes aufgenommen und versammelt die vier Stücke „Sarniezz“, „Mata Zyklek“, „Fabienk“ und „Sherpa“. Schon diese knappe Dramaturgie wirkt wie eine konzentrierte Einführung in die Welt der Band. Alles ist sofort wiedererkennbar, nichts klingt nach Zufall, und gerade dadurch entwickelt die Performance einen Sog, der weit über den ersten Überraschungseffekt hinausgeht.

Looping als Bauprinzip

Im Zentrum dieses Sounds steht kein klassisches Bandgefüge, sondern ein Prinzip aus Schichtung und Reduktion. Laut Selbstdarstellung der Band zeichnet Khn mit einem elektronischen Loop Modul in Echtzeit verschiedene Ebenen auf und wechselt dabei ständig zwischen mikrotonaler Gitarre und mikrotonalem Bass. MusicRadar beschreibt das Instrument als eigens gebautes Doppelhals Instrument, das Gitarre und Bass vereint und in einem 24 TET System arbeitet, also die Oktave in 24 gleich große Schritte teilt. Dadurch entstehen Vierteltonräume zwischen den gewohnten Stufen des westlichen Tonsystems. Das Resultat ist dieser eigentümliche Eindruck von Reibung, Nähe und Schieflage, der bei Angine de Poitrine permanent präsent ist, ohne jemals ins Beliebige abzugleiten.

Krumme Takte, klare Wirkung

Für Schlagzeuger ist aber vor allem die Rhythmik spannend. Denn diese Musik ist zwar krumm, wirkt aber nie wie eine Matheaufgabe. MusicRadar benennt „Sarniezz“ als 4/4 mit starkem 12/8 Gefühl, „Mata Zyklek“ als 10/4, „Fabienk“ als eigentümlich gruppierten 7/4 oder 28/4 und „Sherpa“ als 17/4. Auf dem Papier klingt das sperrig. Im Ohr passiert das Gegenteil. Die Patterns wiederholen sich mit großer Beharrlichkeit, die Form bleibt klar, und der Hörer lernt nicht einzelne Zählzeiten auswendig, sondern einen Bewegungsablauf. Genau darin liegt der Trick dieser Band. Die ungeraden Metren werden nicht ausgestellt, sondern in Fluss verwandelt.

Was Klek am Schlagzeug so stark macht

Genau hier zeigt sich auch, warum Klek de Poitrine am Schlagzeug so stark ist. Er spielt diese Stücke nicht wie Demonstrationsmaterial für komplizierte Taktarten. Sein Part will nicht beweisen, wie schwierig alles ist. Er sorgt vielmehr dafür, dass der Körper die Form versteht, bevor der Kopf sie in Zahlen übersetzt. Die Band selbst spricht von einem matten Drumsound, von kalkuliertem Hinzufügen einzelner Elemente und vom gezielten Einsatz von Stille. Das trifft den Kern sehr gut. Klek markiert Schwerpunkte, zieht Energie an, nimmt sie wieder heraus und verschiebt den gefühlten Schwerpunkt genau dann, wenn die Musik einen neuen Dreh braucht. Dadurch werden asymmetrische Grooves nicht akademisch, sondern physisch.

Warum das trotz allem zugänglich bleibt

Das eigentliche Kunststück besteht darin, dass Angine de Poitrine trotz all ihrer Schrägheit zugänglich bleiben. Das hat viel mit Wiederholung zu tun. Die Stücke denken nicht in erster Linie wie klassische Rocksongs, die ständig in neue Teile springen, sondern eher wie Kreisläufe, in denen Motive auftauchen, verschwinden und sich minimal verändern. Die Band selbst zieht dafür den Vergleich zur Logik von Techno. Genau das schafft Orientierung. Man hört Musik, die harmonisch und rhythmisch ständig leicht neben der Spur liegt, findet aber trotzdem Halt, weil die Bausteine hartnäckig wiederkehren. Angine de Poitrine klingen fremd, aber ihr Groove arbeitet mit Wiedererkennung. Und genau deshalb bleibt man hängen.

Kein bloßes Internetphänomen

Deshalb greift auch die einfache Erklärung zu kurz, hier gehe es bloß um ein cleveres Internetbild. Wer bei dieser Session hängen bleibt, bleibt nicht wegen des Kostüms. Die Masken holen einen in den Clip hinein, aber der Sog entsteht aus dem Zusammenspiel von Rhythmus, Wiederholung und Klangfarbe. Das ist ein wichtiger Unterschied. Viele aktuelle Projekte aus Art Rock, Prog und experimenteller Gitarrenmusik sind hochinteressant, aber nicht zwingend. Angine de Poitrine sind zwingend, weil sie ihre Komplexität nie gegen den Hörer ausspielen, sondern in Bewegung übersetzen. Für ein Schlagzeugmagazin ist genau das die eigentliche Pointe dieser Band.

Der Anfang von etwas Größerem

Dass hier mehr als ein kurzer viraler Moment entstanden ist, zeigt inzwischen auch alles rund um die Musik selbst. „Vol. II“ ist am 3. April 2026 erschienen. Auf der offiziellen Konzertseite stehen dicht getaktete Termine für April und Mai, darunter ausverkaufte Release Abende in Montreal und Chicoutimi. Gleichzeitig wird das Duo inzwischen von Medien weit außerhalb der eigenen Nische besprochen. Das spricht sehr dafür, dass wir es hier nicht mit einem Peak, sondern mit einem Anfang zu tun haben. Angine de Poitrine könnten sich rückblickend als jene Band erweisen, bei der viele zum ersten Mal wieder gespürt haben, dass vertrackte Rhythmik nicht kühl sein muss, sondern unmittelbar, körperlich und geradezu euphorisch sein kann.

Foto: ©️https://anginedepoitrine.com/

 

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