John Rutsey war der rohe Motor der Anfangstage, Neil Peart wurde zur unsterblichen Prog-Ikone – und Anika Nilles steht nun vor einem der anspruchsvollsten Jobs, die man als Drummerin überhaupt übernehmen kann.
Es gibt Bands, bei denen der Drummer den Laden zusammenhält. Und es gibt Rush Drummer. Bei den Kanadiern war das Schlagzeug nie bloß Begleitung, sondern Motor, Architektur, Erzählerstimme und manchmal sogar Hauptdarsteller. Wer Rush als Drummer hört, landet zwangsläufig bei diesem einen Platz: dem Drumhocker. Dort saßen bisher drei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. John Rutsey gab der Band den ersten rohen Puls. Neil Peart machte aus Rockdrumming eine Kunstform zwischen Präzision, Literatur und Hochleistungssport. Und Anika Nilles übernimmt nun die vielleicht schwierigste Aufgabe im modernen Prog-Rock: Sie muss Rush live in die Gegenwart holen, ohne den Schatten Pearts zu ignorieren.
John Rutsey: Der erste Puls von Rush
Bevor Rush zu jener Band wurden, bei der Drummer Taktarten sezieren und Fills wie kleine Kompositionen behandeln, waren sie eine junge Hardrock-Band aus Toronto. John Rutsey war 1968 Gründungsmitglied, zusammen mit Gitarrist Alex Lifeson und Bassist Jeff Jones, der bald durch Geddy Lee ersetzt wurde. Auch der Bandname „Rush“ stammt aus diesem frühen Umfeld: Rutseys Bruder Bill soll ihn bei einem Treffen im Keller der Familie vorgeschlagen haben. Rutsey war in der Anfangszeit mehr als nur der Mann am Schlagzeug. Er galt als eine Art Bandleader, als Antreiber, als jemand, der die junge Formation zusammenhielt. Auf der 1973 erschienenen Debütsingle „Not Fade Away“, einer Buddy-Holly-Coverversion, und auf dem selbstbetitelten Debütalbum von 1974 hört man noch eine ganz andere Band als später auf „2112“, „Moving Pictures“ oder „Signals“.

Der direkte Gegenpol zum späteren Rush-Kosmos
Sein Spiel ist roh, geradeaus, körperlich. Keine ausufernde Prog-Architektur, keine polyrhythmischen Labyrinthe, keine Drumsoli als Weltreise. Rutsey spielte aus dem Bauch: offene Hi-Hats, treibende Backbeats, Hardrock-Druck. Songs wie „Working Man“ leben von dieser Erdung. Das ist nicht filigran im späteren Rush-Sinn, aber es funktioniert – und zwar genau deshalb. Sein Kapitel bei Rush blieb kurz. Rutsey war ursprünglich auch als Texter vorgesehen, doch musikalisch und konzeptionell entwickelten sich die Dinge anders. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme durch seine Diabeteserkrankung, die das Tourleben erschwerten. Ende 1974 verließ er die Band. John Rutsey starb am 11. Mai 2008 in Toronto an den Folgen seiner Krankheit. Für Drummer bleibt er dennoch wichtig. Rutsey war nicht der große Prog-Visionär, aber er war der Zündfunke. Ohne seinen ursprünglichen Drive hätte Rush vielleicht nie jene Basis gehabt, auf der Neil Peart später sein Monument errichten konnte.
Neil Peart: Der Architekt des Prog-Drummings
Als Neil Peart 1974 bei Rush einstieg, veränderte sich alles. Plötzlich saß da ein Drummer, der nicht nur technisch brillierte, sondern Musik in großen Formen dachte. Peart wurde nicht einfach Rutseys Nachfolger. Er wurde zur stilprägenden Figur, zum Haupttexter und zur vielleicht einflussreichsten Schlagzeugstimme des Progressive Rock. Pearts Spiel war nie nur virtuos. Natürlich konnte er schnell, präzise und spektakulär spielen. Aber seine eigentliche Größe lag darin, dass seine Parts komponiert wirkten. Ein Fill war bei ihm kein Lückenfüller, sondern ein Übergang mit dramaturgischem Gewicht. Ein Tom-Lauf war kein Muskelspiel, sondern ein Bauteil. Sein Drumset klang wie ein Orchester aus Holz, Metall, Fell und später auch Elektronik. In den Siebzigern wurde Peart zum Architekten großer Rush-Epen. „2112“, „Xanadu“, „Cygnus X-1“, „Hemispheres“ oder „La Villa Strangiato“ sind aus Drummersicht keine normalen Songs, sondern Parcours: ungerade Taktarten, orchestrierte Fills, abrupte Dynamikwechsel, lange Spannungsbögen. Peart spielte nicht gegen die Komplexität an – er machte sie musikalisch nachvollziehbar. Dabei war er kein reiner Technikdrummer. Sein Spiel hatte eine fast literarische Logik.

Seiner Rolle als Texter und Rush Drummer
Früh beschäftigte er sich mit Mythologie, Fantasy, Science-Fiction und philosophischen Ideen, später zunehmend mit Politik, Gesellschaft, Technologie, Religion, Individualität und Verlust. Diese Themen hörte man auch in seinem Drumming. Peart dachte in Kapiteln, nicht in Takten. In den Achtzigern wurde Rush moderner, kompakter und stärker von Synthesizern geprägt. Auch Pearts Spiel veränderte sich. Es wurde fokussierter, kontrollierter, manchmal kühler. „Subdivisions“ ist dafür ein Paradebeispiel: präzise, urban, streng, aber voller unterschwelliger Spannung. Peart blieb komplex, aber er lernte, die Komplexität stärker in den Song einzubetten. Privat trafen ihn schwere Schicksalsschläge. 1997 starb seine Tochter bei einem Autounfall, 1998 seine erste Frau an Krebs. Peart zog sich zeitweise zurück, reiste mit dem Motorrad durch Nordamerika und verarbeitete diese Erfahrungen später auch künstlerisch. 2020 starb er in Santa Monica an den Folgen eines Hirntumors. Sein Vermächtnis ist riesig. Für viele Drummer war Neil Peart der Beweis, dass Rockschlagzeug weit mehr sein kann als Groove und Lautstärke. Er machte das Drumset zur Denkmaschine, zum Erzählwerkzeug, zum eigenen Kosmos. Kein Wunder, dass er bis heute als einer der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte gilt.
Anika Nilles: Die moderne Drummerin vor dem schwersten Erbe
Und nun also Anika Nilles. Eine deutsche Drummerin auf dem Rush-Drumhocker – das hätte vor einigen Jahren wohl niemand auf dem Zettel gehabt. Und doch ergibt diese Besetzung mehr Sinn, als man zunächst denkt. Nilles, 1983 in Aschaffenburg geboren, stammt aus einer musikalischen Familie. Ihr Vater war selbst Schlagzeuger und brachte ihr früh die ersten Grooves bei. Nach der Schule schlug sie zunächst einen ganz anderen Weg ein, absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und leitete später eine Kindertagesstätte. Erst mit Mitte zwanzig entschied sie sich konsequent für das Schlagzeugstudium an der Popakademie Baden-Württemberg, das sie 2013 mit Bestnote abschloss. Bekannt wurde sie in den frühen 2010er-Jahren über eigene Videos und Kompositionen. Stücke wie „Wild Boy“ und „Alter Ego“ machten in der Drummer-Szene schnell die Runde. Aber Nilles war nie nur ein Internet-Phänomen. Ihre Musik mit der Band Nevell verbindet modernen Funk, urbanen Jazz, progressive Strukturen und eine sehr eigene rhythmische Sprache. Was sie für Drummer so spannend macht, ist ihr Umgang mit Subdivisions. Quintolen, Sextolen, verschobene Gruppierungen, Ghost Notes, lineare Figuren und polyrhythmische Ideen gehören bei ihr nicht zur Showabteilung, sondern zum musikalischen Vokabular. Ihr Spiel ist technisch hochentwickelt, klingt aber selten akademisch. Es groovt, es drückt, es hat Tiefe. Damit unterscheidet sie sich deutlich von Peart – und genau das könnte ihre Stärke sein.

Was Nilles so einzigartig macht
Sie ist keine Kopie. Sie bringt eine moderne Auffassung von Rhythmus mit, in der Pocket, Sound, Präzision und Verschiebung eng zusammengehören. Während Peart oft wie ein Architekt großer rhythmischer Bauwerke wirkte, arbeitet Nilles stärker mit mikroskopischer Kontrolle, innerer Spannung und körperlichem Groove. 2022 spielte sie mit Jeff Beck auf dessen letzter Tour. Seit 2021 leitet sie außerdem die Schlagzeugabteilung der Popakademie Baden-Württemberg. Sie ist also nicht nur Performerin, sondern auch Pädagogin – jemand, der komplexes Material analysieren, strukturieren und vermitteln kann. Genau diese Fähigkeit dürfte bei Rush Gold wert sein.
Warum dieser Job so heikel ist
Bei Rush einzusteigen bedeutet nicht, einfach ein paar Klassiker nachzuspielen. Es bedeutet, ein kollektives Gedächtnis zu betreten. Rush-Fans kennen jedes Fill, jeden Tom-Lauf, jede Pause. Und Drummer sind in solchen Fragen ohnehin gnadenlos. „Tom Sawyer“ muss sitzen. „YYZ“ darf nicht wackeln. „Subdivisions“ braucht diese kühle Präzision. „The Spirit of Radio“ muss leichtfüßig bleiben. Und bei Stücken wie „La Villa Strangiato“ reicht es nicht, die Noten zu kennen – man muss den inneren Puls dieser Musik verstehen. Anika Nilles steht deshalb vor einer doppelten Aufgabe. Sie muss Pearts Parts respektieren, ohne zur Museumsführerin zu werden. Sie muss die Klassiker tragen, ohne sich selbst komplett auszulöschen. Und sie muss beweisen, dass Rushs Musik auch ohne Neil Peart live noch eine Gegenwart haben kann. Das ist ein Drahtseilakt. Aber Rush waren immer dann am spannendsten, wenn es schwierig wurde.
Drei Drummer, drei Lektionen
Für Drummer erzählt Rush eine außergewöhnliche Entwicklungsgeschichte. John Rutsey steht für den Anfang: Energie, Direktheit, Bandgefühl. Sein Spiel erinnert daran, dass jeder große Mythos irgendwann mit einem einfachen, ehrlichen Groove beginnt. Neil Peart steht für die große Erweiterung. Er zeigte, dass Rockdrumming komplex, intelligent und trotzdem emotional sein kann. Von ihm lernen Drummer, dass Technik erst dann wirklich zählt, wenn sie eine musikalische Funktion hat. Anika Nilles steht für die Gegenwart. Sie bringt ein modernes Verständnis von Groove, Subdivision und Sound mit. Ihre Aufgabe ist nicht, Peart zu ersetzen. Das kann niemand. Ihre Aufgabe ist es, diese Musik mit Respekt, Präzision und eigener Persönlichkeit weiterzutragen.
Fazit: Der Urknall, das Monument und das neue Kapitel
Rush am Schlagzeug – das ist die Geschichte eines Drumhockers, der nie einfach nur ein Drumhocker war. John Rutsey war der rohe Motor der Anfangstage. Neil Peart wurde zum Monument, zur Prog-Ikone, zum Maßstab für Generationen von Drummern. Und Anika Nilles steht nun vor der Herausforderung, dieses Erbe live in die Gegenwart zu übersetzen. Drei Drummer, drei Epochen, ein Mythos: Rush zeigen, dass ein Schlagzeug nicht nur den Takt halten kann. Es kann eine Band starten, eine Legende formen – und vielleicht sogar ein neues Kapitel aufschlagen.
