Type O Negative: Die Drummer hinter der schwarzen Wand

Type O Negative: Die Drummer hinter der schwarzen Wand

Type O Negative waren eine Band der Extreme – aber nicht im Sinne von Tempo, Technikrekorden oder metallischer Muskelprotzerei. Ihre eigentliche Wucht entstand aus Langsamkeit, Tiefe und Kontrolle. Für Drummer ist genau das bis heute interessant: Diese Musik lebt nicht von spektakulären Fills, sondern von Timing, Sound und der Fähigkeit, schwere Grooves wirklich schwer wirken zu lassen. Zwei Drummer prägten die Geschichte der Band besonders: Sal Abruscato, der Schlagzeuger der frühen Jahre, und Johnny Kelly, der spätere Live-Motor von Type O Negative. Beide stehen für unterschiedliche Phasen der Band – und für zwei sehr eigene Arten, Dunkelheit am Schlagzeug zu übersetzen.

Sal Abruscato: Der rohe Puls der Anfangszeit

Sal Abruscato, geboren am 18. Juli 1970, gehörte zu den Gründungsmitgliedern von Type O Negative. Er saß am Schlagzeug, als die Band ihren Stil noch formte und gleichzeitig bereits unverkennbar klang: tief gestimmt, zäh, düster, mit Wurzeln in Hardcore, Doom und Metal.

 

Mit Abruscato entstand 1990 das Debüt „Slow, Deep and Hard“. Schon der Titel liest sich aus Drummer-Sicht fast wie eine Spielanweisung: langsam, tief, hart. Abruscatos Spiel hatte damals eine rohe, direkte Qualität. Es war nicht glattpoliert, sondern kantig, körperlich und schwer. Genau dadurch bekam die frühe Band ihren gefährlichen Unterbau. „Bloody Kisses“: Durchbruch und Drumsound mit Langzeitwirkung Mit „Bloody Kisses“ wurde der Sound von Type O Negative größer, dunkler und atmosphärischer – und zugleich international erfolgreich. Das Album markierte den Durchbruch der Band und zeigte, wie eigenständig ihre Mischung aus Gothic Metal, Doom, Hardcore-Erbe und schwarzem Humor inzwischen geworden war.

Auch das Schlagzeug musste dadurch anders funktionieren: weniger reine Attacke, mehr Raumgefühl. Abruscato brachte diese Mischung aus roher Energie und songdienlicher Schwere mit. Sein Drumsound auf „Bloody Kisses“ wirkt bis heute bemerkenswert fett, linear und zeitlos. Kein überladener Metal-Zirkus, sondern ein massiver Puls, der die Songs trägt, ohne ihre dunkle Atmosphäre zu zerstören. Gerade für Drummer liegt hier viel Lehrstoff. Die Parts wirken auf den ersten Blick nicht übermäßig kompliziert, aber sie sitzen mit einer Konsequenz, die den Songs Größe gibt. Jeder Schlag hat Funktion. Die Grooves sind breit, schwer und klar – und genau deshalb altern sie kaum. Etwa zwei Monate nach Veröffentlichung des Albums wechselte Sal Abruscato zu Life of Agony. Sein Nachfolger wurde der ehemalige Type-O-Negative-Roadie Johnny Kelly, der den Posten am Schlagzeug übernahm und die Band in ihre nächste Phase führte.

Life of Agony und A Pale Horse Named Death

Nach Type O Negative schrieb Abruscato weiter Schlagzeuggeschichte. 1993 spielte er auf „River Runs Red“, dem Debüt von Life of Agony. Das Album gilt als wegweisend für den Alternative Metal und zeigt eine andere Seite seines Spiels: emotional direkt, hart, aber nie bloß stumpf. 2009 gründete Abruscato A Pale Horse Named Death. Dort trat er nicht nur als Schlagzeuger, sondern auch als Gitarrist, Sänger, Frontmann und Songwriter auf. Mit der Band veröffentlichte er vier Studioalben. Die dunkle Ästhetik, die schon seine Arbeit bei Type O Negative prägte, findet sich dort in anderer Form wieder: schwer, melancholisch, riffbetont und tief im Schatten verwurzelt. Später stieß ausgerechnet sein Type-O-Negative-Nachfolger Johnny Kelly als Drummer zu A Pale Horse Named Death – eine schöne Ironie der Bandgeschichte. Damit kreuzten sich die Wege der beiden Type-O-Schlagzeuger erneut: Abruscato vorne am Mikrofon und an der Gitarre, Kelly hinten am Kit.

Johnny Kelly: Vom Roadie zum Live-Motor

Johnny Kelly, geboren am 9. März 1968, kam aus dem direkten Umfeld der Band. Er war zunächst Schlagzeug-Roadie und Busfahrer von Type O Negative, bevor er 1994 den vakanten Platz am Drumkit übernahm.

 

Kelly wurde zum Schlagzeuger der kommerziell erfolgreichsten Bandphase und blieb bis zur Auflösung Teil von Type O Negative. Sein Spiel passte ideal zu dieser Musik, weil er verstand, dass sie nicht mit Überladung funktioniert. In langsamen Tempi zählt jeder Schlag. Eine Snare, die nicht sitzt, zerstört den Groove. Eine Bassdrum zu viel kann die Atmosphäre kleiner machen. Kelly spielte kontrolliert, massiv und mit viel Disziplin.

Josh Silver, programmierte Drums und Kellys Live-Leistung

Besonders interessant ist die Studio-Situation der Johnny-Kelly-Ära. Die Drumspuren der Type-O-Negative-Alben unter Kelly wurden weitgehend von Keyboarder Josh Silver programmiert. Kelly war also in dieser Phase nicht auf allen Studioaufnahmen derjenige, der die Parts physisch eingespielt hat. Seine große Leistung lag darin, diese programmierten Strukturen live auf ein akustisches Drumkit zu übertragen. Das ist schwieriger, als es klingt. Programmierte Drums sind exakt, gleichmäßig und oft fast unmenschlich präzise. Live müssen sie aber atmen. Kelly gelang genau dieser Spagat: Er hielt die maschinelle Strenge der Arrangements zusammen, gab ihnen aber Körper, Dynamik und Bühnenenergie. Die große Ausnahme ist das letzte Type-O-Negative-Album „Dead Again“. Hier spielte Johnny Kelly die Drums selbst ein. Aus Schlagzeugersicht ist das Album deshalb besonders aufschlussreich, weil man seine eigene Handschrift deutlicher hört: organischer, direkter, physischer. Kelly war live längst der Mann für diese Grooves – auf „Dead Again“ wurde er es auch im Studio.

Live-Tipp: Bizarre Festival 1999

Wer Johnny Kellys Type-O-Negative-Drumming in Aktion hören und sehen will, sollte sich den Auftritt der Band beim Bizarre Festival 1999 in Köln vormerken. Kelly sitzt dort am Schlagzeug und zeigt eindrucksvoll, worum es bei Type O Negative live ging: schwere Grooves, kontrollierte Dynamik und ein Timing, das den Songs Raum lässt, ohne sie an Spannung verlieren zu lassen. Gerade dieser Mitschnitt macht deutlich, wie wichtig Kelly für die physische Wirkung der Band war. Die Grooves bleiben massiv und diszipliniert, bekommen live aber mehr Luft, mehr Dreck und mehr Körper.

Langsam spielen ist kein Leichtgewicht

Type O Negative sind ein gutes Beispiel dafür, dass langsames Drumming nicht automatisch einfach ist. Im Gegenteil: Je weniger Noten gespielt werden, desto wichtiger werden Sound, Platzierung und Haltung. Bei dieser Musik muss die Bassdrum nicht permanent laufen, sie muss Gewicht haben. Die Snare muss nicht glänzen, sie muss treffen. Becken dürfen Atmosphäre schaffen, aber den Mix nicht überdecken. Fills müssen dramaturgisch funktionieren, nicht bloß technisch beeindrucken. Sal Abruscato und Johnny Kelly zeigen zwei unterschiedliche Wege, diese Aufgabe zu lösen. Abruscato brachte die rohe Energie der Anfangsjahre ein. Kelly wurde später zum Live-Architekten der programmierten Schwere und setzte Josh Silvers Drum-Arrangements überzeugend auf der Bühne um.

Nach Type O Negative

Nach dem Tod von Peter Steele im Jahr 2010 war Type O Negative beendet. Die Drummer blieben jedoch aktiv. Sal Abruscato führte seine dunkle, schwere Ästhetik mit A Pale Horse Named Death weiter.Auch Johnny Kelly blieb ein gefragter Mann am Kit. Er spielte unter anderem mit Danzig, Seventh Void, Black Label Society, Kill Devil Hill und später ebenfalls bei A Pale Horse Named Death. Dazu kommt seine Arbeit in der Led-Zeppelin-Tribut-Band Earl’s Court. Ein weiteres prominentes Kapitel folgte 2020: Am 9. September wurde bekanntgegeben, dass Kelly bei Quiet Riot einsteigt und dort den verstorbenen Drummer Frankie Banali ersetzt. Ganz neu war ihm der Job nicht – bereits 2019 und 2020 hatte Kelly Banali bei Shows der Band vertreten. Gerade diese Stationen zeigen, dass Kelly kein reiner Spezialist für Gothic-Metal-Schwere ist, sondern ein vielseitiger Rock- und Metal-Drummer mit solidem Fundament, der zwischen schleppender Dunkelheit, klassischem Hardrock-Groove und moderner Metal-Wucht souverän vermittelt.

Alte Kassetten, neues Material?

Auch Jahre nach dem Ende von Type O Negative scheint das Archiv der Band noch nicht vollständig auserzählt zu sein. Johnny Kelly berichtete, dass er in alten Kassettenbeständen Material aus der Bandgeschichte wiederentdeckt habe – darunter offenbar auch einen vollständigen, bislang unveröffentlichten Song aus den Sessions zu „October Rust“. Für Fans ist das natürlich spannend. Für Drummer aber besonders: Solche Fundstücke können zeigen, wie Grooves, Arrangements und Songstrukturen in der Werkstattphase der Band funktionierten. Gerade weil unter Kelly viele Studio-Drums von Josh Silver programmiert wurden, wäre unveröffentlichtes Material aus dieser Zeit ein zusätzlicher Blick in die rhythmische Architektur von Type O Negative. Teile des Songs sollen später für andere Stücke verwendet worden sein, unter anderem für „Life Is Killing Me“. Als möglicher Bonus-Track zum 30-jährigen Jubiläum von „October Rust“ hätte die Aufnahme also nicht nur Sammlerwert, sondern auch dokumentarischen Reiz. Voraussetzung wäre allerdings, dass sich die Kassette sauber übertragen und mastern lässt. Dazu steht auch ein potenzielles Type-O-Negative-Live-Album im Raum, das noch 2026 erscheinen könnte. Aus Schlagzeugersicht wäre das fast noch interessanter als ein Studiobonus: Live zeigte Kelly schließlich am deutlichsten, wie sich die programmierten, streng arrangierten Parts in echte Bühnenenergie verwandeln lassen. Ein offizieller Mitschnitt könnte dokumentieren, wie viel körperliche Wucht hinter dieser vermeintlich statischen Musik steckte.

Zwei Drummer, eine Idee von Schwere

Sal Abruscato und Johnny Kelly stehen nicht einfach für „früh“ und „spät“. Sie stehen für zwei Funktionen innerhalb derselben Band-DNA. Abruscato war der Ursprung: rau, direkt, kantig, körperlich. Er prägte die ersten zentralen Alben und lieferte mit „Bloody Kisses“ einen Drumsound ab, der noch heute fett und zeitlos wirkt. Kelly war die spätere Live-Konstante: kontrolliert, präzise, massiv. Er übernahm eine Band, deren Studioästhetik stark von programmierten Drums geprägt war, und machte daraus auf der Bühne echte körperliche Wucht.

Fazit

Die Drummer von Type O Negative stehen nicht für technische Selbstdarstellung, sondern für eine Kunst, die im Metal oft unterschätzt wird: kontrollierte Schwere. Sal Abruscato gab der Frühphase ihren rohen Puls und spielte auf Schlüsselalben wie „Slow, Deep and Hard“ und „Bloody Kisses“. Letzteres wurde zum internationalen Durchbruch der Band und beeindruckt bis heute mit einem linearen, fetten und zeitlosen Drumsound. Johnny Kelly übernahm danach den Drumstuhl, wurde zum Schlagzeuger der kommerziell erfolgreichsten Bandphase, setzte die von Josh Silver programmierten Parts live kraftvoll um und spielte auf „Dead Again“ schließlich selbst im Studio. Seine späteren Stationen von Danzig über Black Label Society bis Quiet Riot zeigen zudem, dass Kelly weit mehr ist als nur der Verwalter eines Gothic-Metal-Erbes. Dass Kelly heute offenbar auch alte Kassetten sichtet, unveröffentlichtes Material entdeckt und ein mögliches Live-Album im Raum steht, gibt seiner Rolle noch eine weitere Dimension. Er war nicht nur der Mann, der Type O Negative live am Kit trug. Er ist auch einer der Musiker, durch deren Hände das rhythmische Erbe dieser Band weiter hörbar werden könnte.

Für Drummer bleibt Type O Negative deshalb eine Lehrstunde in Geduld, Timing und Sound. Abruscato und Kelly zeigen auf unterschiedliche Weise, dass große Drum-Parts nicht immer aus vielen Noten bestehen müssen. Manchmal reicht ein Groove, der so schwer sitzt, dass er den ganzen Song trägt – oder ein Live-Mitschnitt, der Jahrzehnte später noch einmal beweist, wie mächtig Langsamkeit klingen kann.

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