Rush sind mit Anika Nilles zurück. Am 7. Juni 2026 eröffneten Geddy Lee und Alex Lifeson im Kia Forum in Los Angeles ihre „Fifty Something Tour“ und spielten damit die erste vollständige Rush-Show seit dem Ende der R40–Tour im Jahr 2015. Dass dieser Abend mehr war als ein gewöhnlicher Tourauftakt, lag auf der Hand. Zum ersten Mal seit 1974 standen Lee und Lifeson bei einem regulären Rush-Konzert ohne Neil Peart auf der Bühne.
Der Ort hätte kaum symbolischer sein können. Im selben Forum hatten Rush fast elf Jahre zuvor ihre letzte Show mit Peart gespielt. Danach folgte eine lange Phase der Stille, geprägt vom Rückzug des Drummers, seiner schweren Erkrankung und seinem Tod am 7. Januar 2020. Für viele Fans war deshalb schon der erste Akkord dieses Abends emotional aufgeladen. Es ging nicht nur um Nostalgie, sondern um die Frage, ob diese Musik ohne ihren prägenden Schlagzeuger überhaupt wieder live funktionieren kann.
Anika Nilles übernimmt den schwierigsten Drumjob der Rockwelt
Anika Nilles stand an diesem Abend vor einer Aufgabe, die man kaum größer machen kann. Neil Peart war nicht nur Drummer von Rush, sondern Architekt des Bandsounds, Texter, Symbolfigur und für Generationen von Schlagzeugern eine Art unerreichbare Instanz. Wer bei Rush auf diesem Platz sitzt, spielt nicht einfach Parts nach. Er oder sie betritt ein sehr emotionales Territorium.
Nilles löste diese Aufgabe mit bemerkenswerter Souveränität. Ihr Spiel wirkte präzise, kraftvoll und gleichzeitig nicht wie eine reine Museumsaufführung. Sie respektierte die zentralen Figuren des Katalogs, ohne sich komplett in Imitation zu verlieren. Bei einigen Songs blieb sie sehr nah an Pearts klassischen Parts, bei anderen brachte sie feine eigene Akzente ein. Gerade das machte ihren Auftritt spannend. Sie spielte nicht gegen das Erbe an, aber sie verschwand auch nicht dahinter.
Besonders auffällig war die Energie ihres Spiels. Nilles kam nicht mit einer übervorsichtigen Lesart, sondern mit Wucht, Attack und einem sehr direkten Snare-Sound. In den komplexen Passagen saß die Artikulation, in den großen Rockmomenten hatte ihr Spiel genug Körper, um diese Musik in eine neue Gegenwart zu holen.
Xanadu als Ansage
Schon der Einstieg mit „Xanadu“ war eine Ansage. Rush eröffneten den Abend nicht mit einem einfachen Sicherheitsnetz, sondern mit einem der großen Prog-Epen aus ihrem Katalog. Double-Neck-Instrumente, lange Spannungsbögen, verschachtelte Parts und eine Klangwelt, die sofort an die klassische Rush-Ära erinnert. Für Nilles bedeutete das: keine Warmlaufphase, keine Schonung, sondern direkt hinein in die Architektur dieser Band.
Dass Lee und Lifeson diesen Song an den Anfang stellten, wirkte fast wie ein Statement. Rush wollten nicht nur zeigen, dass sie wieder da sind. Sie wollten zeigen, dass sie sich nicht auf eine weichgespülte Comeback-Version reduzieren lassen. Die Band griff tief in den Katalog, setzte auf lange Formen und spielte mit der Selbstverständlichkeit einer Gruppe, die ihre eigene Geschichte kennt und trotzdem wieder Risiko sucht.
Präzision und Respekt
Aus Drummersicht waren die entscheidenden Momente natürlich jene Songs, bei denen Pearts Handschrift besonders tief im Material steckt. „Tom Sawyer“, „YYZ“, „La Villa Strangiato“ und „The Spirit of Radio“ gehören zu den Stücken, bei denen jeder Rush-Fan bestimmte Fills, Akzente und Übergänge im Kopf hat. Da kann man als neuer Drummer kaum gewinnen, wenn man versucht, völlig anders zu sein. Man kann aber auch verlieren, wenn man nur mechanisch kopiert.
Nilles fand häufig einen starken Mittelweg. Bei „Tom Sawyer“ saßen die ikonischen Figuren mit der nötigen Schärfe. „YYZ“ verlangte genau jene Mischung aus Präzision, Betonung und Ausdauer, die diesen Instrumental-Klassiker bis heute zu einem Prüfstein für Drummer macht. In „La Villa Strangiato“ ging es um das feine Zusammenspiel aus ungeraden Phrasen, Breaks und hochkonzentrierter Ensemblearbeit. Auch hier zeigte sich, dass Nilles nicht nur technisch vorbereitet war, sondern die Logik dieser Musik verstanden hat.
Spannend war auch, dass sie nicht jeden Song als reine Denkmalpflege behandelte. Bei „Subdivisions“ ließ sie etwas mehr eigenen Puls erkennen und gab dem Stück eine frische Bewegung, ohne den Charakter zu beschädigen. Genau solche Momente sind wichtig. Sie zeigen, dass diese Besetzung nicht nur eine Gedenkveranstaltung sein will, sondern eine spielende Band.
Geddy Lee und Alex Lifeson wirken erstaunlich präsent
Auch Lee und Lifeson machten schnell klar, dass diese Tour nicht auf Sparflamme laufen soll. Lee bewegte sich energisch über die Bühne, spielte Bass, sang und musste durch die zusätzliche Unterstützung von Keyboarder Loren Gold nicht mehr jeden Synth-Part selbst abdecken. Das gab ihm mehr Freiheit am Bass und offenbar auch mehr Luft in der Performance.
Seine Stimme wirkte hörbar stabiler, als manche nach den letzten Rush-Jahren erwartet hätten. Natürlich ist Lee nicht mehr der Sänger der Siebziger. Das wäre mit 71 Jahren auch eine unrealistische Erwartung. Aber er nahm viele hohe Passagen mutig an und wirkte in den entscheidenden Momenten deutlich präsenter, als es das Ende der R40-Ära vermuten ließ.
Lifeson zeigte sich ebenfalls in starker Form. Seine Soli hatten die typische Mischung aus Kante, Raum und melodischer Eigenwilligkeit. Gerade in „Freewill“ und „Bravado“ wurde deutlich, wie stark seine Gitarre die emotionale Tiefe dieser Songs trägt.
Ein Abend voller Neil-Peart-Momente
Obwohl Anika Nilles musikalisch im Zentrum vieler Gespräche stehen dürfte, blieb Neil Peart der unsichtbare Mittelpunkt des Abends. Rush integrierten mehrere direkte Verweise auf ihren verstorbenen Bandkollegen. Besonders bewegend geriet „Bravado“, das mit Interviewmaterial von Peart eingeleitet wurde und von Archivbildern begleitet war. Der Song gehört ohnehin zu jenen Rush-Momenten, in denen Text, Melodie und Banddynamik eine fast feierliche Schwere bekommen.
Auch „The Garden“ hatte an diesem Abend eine besondere Wirkung. Als später Rush-Song über Vergänglichkeit, Rückblick und die Pflege dessen, was einem wichtig ist, trägt er nach Pearts Tod noch einmal eine andere Bedeutung. In solchen Momenten wurde deutlich, dass diese Tour nicht versucht, die Lücke zu schließen. Sie benennt sie.
Dass Rush ihren typischen Humor trotzdem nicht verloren haben, zeigte sich in vorproduzierten Videoeinspielern. Unter anderem waren neue Beiträge von Paul Rudd und Jason Segel zu sehen, die ihre Rush-Fan-Rollen aus „I Love You, Man“ wieder aufgriffen. Auch Anspielungen auf „South Park“ gehörten zum Abend. Diese Mischung aus Ernst, Selbstironie und Prog-Größe war immer Teil der Rush-DNA.
Keine abgespeckte Comeback-Setlist
Wer mit einer vorsichtigen Rückkehr gerechnet hatte, wurde überrascht. Die Setlist war lang, anspruchsvoll und reich an Klassikern. Im ersten Teil spielten Rush unter anderem „Xanadu“, „Limelight“, „Far Cry“, „Subdivisions“, „Freewill“, „Bravado“, „Caravan“, „La Villa Strangiato“, „Vital Signs“ und „The Spirit of Radio“.
Nach der Pause folgten Auszüge aus „2112“, außerdem „Distant Early Warning“, „Red Barchetta“, „Dreamline“, „Natural Science“, „Time Stand Still“, „Red Sector A“, „YYZ“, „The Garden“ und „Tom Sawyer“. Als Zugabe gab es „By-Tor & The Snow Dog“ und „Working Man“.
Allein diese Auswahl zeigt, wie ernst Rush diesen Neustart nehmen. Das war kein kurzer Nostalgieblock mit den größten Hits. Es war ein umfangreicher Querschnitt durch die Bandgeschichte, der Prog-Monumente, Achtziger-Synth-Ära, spätere Songs und frühe Klassiker miteinander verband.
Fazit für Drummer
Für Schlagzeuger ist diese Rückkehr aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zunächst ist da natürlich der emotionale Aspekt. Neil Peart war für viele Drummer einer der Gründe, überhaupt mit dem Instrument anzufangen. Seine Parts waren komponiert, erzählerisch, technisch fordernd und tief mit den Songs verwoben. Ihn zu ersetzen ist unmöglich. Einen Weg zu finden, diese Musik wieder spielbar zu machen, ist dagegen eine eigene Kunst.
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