Chris Slade verabschiedet sich vom Schlagzeug

Chris Slade

Mehr als sechs Jahrzehnte hinter dem Schlagzeug, unzählige Konzerte und eine Vita, für die andere Musiker vermutlich mehrere Leben benötigen würden: Chris Slade zieht sich vom aktiven Schlagzeugspielen zurück. Der ehemalige AC/DC-Drummer gab am 22. August seinen Abschied bekannt. Kurz vor seinem 80. Geburtstag zwingen ihn vor allem gesundheitliche Probleme und die Folgen eines vor rund sieben Jahren erlittenen Schlaganfalls zu diesem Schritt.

Damit verabschiedet sich ein Drummer von der Bühne, dessen Karriere weit mehr umfasst als seine Jahre bei AC/DC. Tom Jones, Manfred Mann’s Earth Band, Uriah Heep, The Firm, Asia und schließlich AC/DC – Slades Lebenslauf liest sich wie eine Reise durch mehrere Kapitel der Rockgeschichte.

Vom Begleitmusiker zum Rock-Schlagzeuger

Chris Slade, der mit bürgerlichem Namen Christopher Rees heißt, begann bereits als Teenager professionell Schlagzeug zu spielen. Zu seinen ersten großen Engagements gehörte die Zusammenarbeit mit Tom Jones. Es sollte der Auftakt zu einer bemerkenswert langlebigen Karriere werden.

In den frühen Siebzigern gehörte Slade zu den Gründungsmitgliedern von Manfred Mann’s Earth Band und ist unter anderem auf deren berühmter Version von „Blinded By The Light“ zu hören. Später folgten Stationen bei Uriah Heep, The Firm und Asia sowie zahlreiche weitere Projekte.

Slade war dabei nie der Typ Drummer, der einen Song mit möglichst vielen Noten überziehen musste. Sein Spiel lebte von Druck, Klarheit und einem ausgesprochen geradlinigen Groove – Eigenschaften, die ihn schließlich für eine Band interessant machten, bei der genau diese Qualitäten über allem stehen.

Chris Slade mit Elvis und Tom Jones
In guter Gesellschaft: Elvis Presley, Chris Slade und Tom Jones (v. l. n. r.).

Chris Slade und AC/DC: Der wohl bekannteste Job seiner Karriere

Ende der Achtziger begann das Kapitel, mit dem viele Rockfans Chris Slade bis heute am stärksten verbinden: AC/DC.

Slade übernahm den Drumhocker bei den australischen Hardrock-Giganten und spielte auf „The Razors Edge“ von 1990. Das Album brachte mit Songs wie „Thunderstruck“ einige der bekanntesten AC/DC-Aufnahmen dieser Ära hervor.

Für Drummer ist Slades Arbeit auf dieser Platte bis heute interessant. AC/DC verlangt am Schlagzeug keine technische Selbstdarstellung, sondern geradezu kompromisslose Disziplin. Timing, Dynamik, Backbeat und die Fähigkeit, einen Groove minutenlang mit maximaler Autorität zu tragen, sind hier die eigentliche Herausforderung.

Slade brachte dabei einen etwas anderen Charakter als sein Vorgänger Phil Rudd mit. Sein Spiel wirkte häufig offensiver und kräftiger, ohne den Songs ihren notwendigen Raum zu nehmen.

Nach dem legendären Live-Album „AC/DC Live“ und der dazugehörigen Mammut-Tournee endete seine erste Zeit bei AC/DC, als Phil Rudd zur Band zurückkehrte. Slade verließ AC/DC 1994.

Jahrzehnte später kam es noch einmal zum Comeback: 2015 holte AC/DC Chris Slade erneut ans Schlagzeug. Er absolvierte mit der Band die „Rock or Bust“-Tour und stand damit noch einmal auf einigen der größten Rockbühnen der Welt.

Ein Schlaganfall verändert alles

Nun zwingt ihn seine Gesundheit endgültig zum Aufhören. In einer Videobotschaft erklärte Slade, dass ihm die Entscheidung alles andere als leichtgefallen sei. Der 79-Jährige wird am 30. Oktober 80 Jahre alt.

Besonders bedankte er sich bei den Fans, die ihn über Jahrzehnte begleitet haben, sowie bei den Musikern seiner eigenen Band The Chris Slade Timeline. Seine Botschaft macht deutlich, dass der Rückzug keineswegs freiwillig kommt.

Der entscheidende Grund sind die Folgen eines Schlaganfalls, den Slade nach eigenen Angaben vor etwa sieben Jahren erlitten hatte. Zunächst sei dieser vergleichsweise leicht gewesen, sein Zustand habe sich jedoch mit der Zeit verschlechtert.

Dass ihm der Abschied schwerfällt, daraus macht Slade keinen Hehl. Eigentlich hätte er gerne ähnlich lange weitergemacht wie die Rolling Stones oder Paul McCartney, die auch jenseits der 80 noch auf großen Bühnen stehen. Doch seine Gesundheit lässt das inzwischen nicht mehr zu.

Sturz und Rippenverletzungen als weiteres Warnsignal

Wie ernst die gesundheitliche Situation geworden war, hatte sich bereits zuvor gezeigt. Im Juli musste Slade mit seiner Band einen geplanten Auftritt beim italienischen Brudstock Festival absagen.

Der Schlagzeuger war gestürzt und hatte sich dabei so schwere Verletzungen an den Rippen zugezogen, dass er ins Krankenhaus musste. Anschließend erklärte Slade, dass er seine Arme nicht ausreichend heben könne, um Schlagzeug zu spielen. Selbst das Halten der Drumsticks war ihm nicht möglich.

Für einen Musiker, der praktisch sein gesamtes Erwachsenenleben hinter einem Drumset verbracht hat, muss genau diese Erkenntnis besonders bitter gewesen sein.

Die Sticks gehen – die Geschichten bleiben

Ganz von der Bildfläche verschwinden dürfte Chris Slade trotzdem nicht. Schon seit längerer Zeit arbeitet der Drummer an seiner Autobiografie.

Das Projekt begleitet ihn offenbar bereits seit Jahrzehnten. Mit seinem typisch trockenen Humor scherzte Slade im vergangenen Jahr darüber, dass er bei Veröffentlichung behaupten könne, 80 Jahre für das Buch gebraucht zu haben. Gleichzeitig sei ihm inzwischen klar geworden, dass er es langsam fertigstellen müsse.

Und zu erzählen gibt es reichlich. Wer mehr als sechs Jahrzehnte im professionellen Musikgeschäft verbracht und dabei mit Künstlern und Bands wie Tom Jones, Manfred Mann’s Earth Band, Uriah Heep, The Firm, Asia und AC/DC gearbeitet hat, dürfte genügend Geschichten gesammelt haben.

Gerade aus Schlagzeugersicht könnte eine ausführliche Autobiografie Slades spannend werden. Schließlich erlebte er mehrere Generationen professioneller Rockmusik unmittelbar vom Drumhocker aus – vom britischen Musikgeschäft der Sechziger über den Progressive- und Hardrock der Siebziger und Achtziger bis hin zu den gigantischen Stadionproduktionen mit AC/DC.

Fazit: Ein Leben hinter dem Schlagzeug

Mehr als 60 Jahre als professioneller Drummer sind eine Hausnummer. Chris Slade hat dabei nicht nur erstaunlich viele musikalische Epochen erlebt, sondern sich immer wieder in völlig unterschiedlichen Bands behauptet.

Sein Name wird für viele vermutlich für immer mit AC/DC, „The Razors Edge“, „Thunderstruck“ und „AC/DC Live“ verbunden bleiben. Doch wer Slades Karriere darauf reduziert, übersieht einen großen Teil seiner Geschichte. Manfred Mann’s Earth Band, Uriah Heep, The Firm, Asia, Tom Jones und zahlreiche weitere Stationen zeigen, wie vielseitig und langlebig seine Laufbahn tatsächlich war.

Für Drummer bleibt vor allem eine Lektion: Ein überzeugender Groove entsteht nicht durch möglichst viele Schläge. Slade konnte kraftvoll spielen, ohne einem Song die Luft zu nehmen. Er wusste, wann ein Fill gebraucht wurde – und noch wichtiger: wann keines gebraucht wurde.

In sechs Dekaden hat Chris Slade unzählige Drummer inspiriert und gleichzeitig gezeigt, dass eine lange Karriere nur funktioniert, wenn man bereit ist, sich immer wieder weiterzuentwickeln. Dass er über einen derart langen Zeitraum mit so vielen unterschiedlichen Künstlern und Bands gearbeitet hat, spricht dabei nicht nur für seine musikalischen Fähigkeiten. Es lässt auch erahnen, dass neben Timing, Groove und Professionalität eine starke menschliche Komponente dazugehört haben muss, um sich über Jahrzehnte in diesem Geschäft zu behaupten.

Und an dieser Stelle darf es ausnahmsweise persönlich werden: Auch mich hat Chris Slade als Drummer über viele Jahre inspiriert. Für die Musik, die Grooves und all die Inspiration möchte ich deshalb einfach Danke sagen. Nach mehr als 60 Jahren hinter dem Schlagzeug ist nun Schluss – doch was Chris Slade mehreren Generationen von Drummern mitgegeben hat, bleibt.

Danke für die Inspiration, Chris.

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