Der jamaikanische Schlagzeuger und Produzent Sly Dunbar ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Damit verliert die internationale Musikszene eine ihrer prägendsten Rhythmusfiguren. Bestätigt wurde sein Tod durch Familienangehörige und Personen aus seinem engsten Umfeld. In den vergangenen Monaten soll Dunbar gesundheitlich angeschlagen gewesen sein.
Frühe Jahre in Kingston: Rhythmus von Anfang an
Geboren wurde Sly Dunbar als Lowell Fillmore Dunbar in Kingston, Jamaika – einer Stadt, deren musikalischer Puls sein späteres Schaffen entscheidend prägen sollte. Schon früh entwickelte er ein Gespür für Rhythmus, zunächst fernab klassischer Instrumente. Wie viele Musiker seiner Generation begann er mit improvisierten Mitteln, trommelte auf Schultischen, Blechdosen und allem, was Klang erzeugte. Aus diesen frühen Experimenten entwickelte sich schnell ein ernsthaftes musikalisches Interesse.
Sly & Robbie: Das vielleicht wichtigste Rhythmus-Duo des Reggae
Den entscheidenden Karriereschritt machte Dunbar als Teil der Band The Revolutionaries, wo er auf den Bassisten Robbie Shakespeare traf. Aus dieser Zusammenarbeit entstand eines der einflussreichsten Rhythmus-Duos der Musikgeschichte. Unter dem Namen Sly & Robbie prägten die beiden über Jahrzehnte hinweg den Sound von Reggae, Dub und später auch Pop, Funk und elektronischer Musik.
Ihr Zusammenspiel galt als Blaupause moderner Rhythmusarbeit: präzise, kraftvoll und zugleich offen für neue klangliche Ideen. Bass und Schlagzeug waren bei Sly & Robbie nicht nur Begleitung, sondern das kreative Zentrum der Musik.
Ein Sound, der weit über Reggae hinausreichte
Sly Dunbars Schlagzeugspiel war nie auf reine Stiltreue beschränkt. Er kombinierte klassische Reggae-Grooves mit Funk-, Soul- und später elektronischen Elementen. Diese Offenheit machte ihn zu einem der meistbeschäftigten Schlagzeuger seiner Zeit. Sein Spiel ist auf unzähligen Produktionen zu hören, darunter Aufnahmen von Black Uhuru, The Mighty Diamonds, Jimmy Cliff und Peter Tosh.
Auch im Werk von Bob Marley ist Dunbars Handschrift präsent, etwa auf dem Song Punky Reggae Party. Seine Grooves waren dabei stets klar strukturiert, tief im Timing verankert und dennoch voller Details.
„90 Prozent Wahrscheinlichkeit“ – Dunbars allgegenwärtiger Einfluss
Wie dominant Sly Dunbars Rolle in der Reggae-Szene war, brachte Produzent Brian Eno bereits 1979 auf den Punkt. Wer eine Reggae-Platte kaufe, so Eno, habe mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Dunbar am Schlagzeug gehört. Diese Einschätzung war weniger pointierte Übertreibung als eine nüchterne Beobachtung der damaligen Produktionsrealität.
Produzent, Innovator und Groove-Architekt
Neben seiner Arbeit als Schlagzeuger war Dunbar auch als Produzent tätig und prägte zahlreiche Aufnahmen hinter den Kulissen. Dabei blieb er stets jemand, der den Groove in den Mittelpunkt stellte – nicht als Selbstzweck, sondern als tragendes Fundament für Songs, Stimmen und Arrangements. Sein Spiel war funktional im besten Sinne und dennoch unverwechselbar.
Mit Sly Dunbar verliert die Musikwelt keinen Selbstdarsteller, sondern einen Architekten des Rhythmus. Sein Vermächtnis lebt nicht in großen Gesten, sondern in unzähligen Takten weiter, die Generationen von Musikerinnen und Musikern beeinflusst haben.
