Wenn über The Killers gesprochen wird, landen viele schnell bei den großen Hooks, dem Synth-Glanz und Brandon Flowers’ Stimme. Was dabei erstaunlich oft unter dem Radar läuft, ist die Arbeit von Ronnie Vannucci Jr. am Schlagzeug. Für mich gehört er zu den unterbewertetsten Drummern der letzten zwei Jahrzehnte, nicht weil ihm Fähigkeiten fehlen, sondern weil er sie so einsetzt, dass sie nie nach „Schau mal, was ich kann“ klingen. Sein Spiel ist für mich die perfekte Symbiose aus Geschmack, Stil und Songdienlichkeit. Er baut Songs, statt sie zu dekorieren.
Vom Vegas-Drummer zur Stadion-Band
Ronnie Vannucci Jr. kommt aus Las Vegas und spielte bereits früh Schlagzeug in lokalen Projekten, bevor The Killers überhaupt als Idee existierten. In einer Stadt, in der Entertainment und Timing eine ganz eigene Tradition haben, wird Rhythmus schnell zu einer Frage von Professionalität. Als The Killers Anfang der 2000er zusammenkamen, war Vannucci genau der Typ Drummer, den solche Songs brauchen: verlässlich, musikalisch, energiestabil. Er ist kein „Session-Drummer im Hintergrund“, sondern ein Charakterspieler, dessen Entscheidungen den Klang der Band definieren.
Stil: Druck ohne Hektik, Details ohne Eitelkeit
Vannuccis Markenzeichen ist ein klarer Puls, der den Song nach vorne zieht, ohne zu hetzen. Seine Grooves sind häufig auf den ersten Blick simpel, aber in der Praxis extrem bewusst konstruiert. Er arbeitet viel mit konstanten Achteln auf HiHat oder Ride, stabilen Backbeats und sehr gezielten Übergängen. Das klingt unspektakulär, bis man es nachspielen will. Dann merkt man, wie viel Kontrolle in kleinen Dingen steckt: Wie er Akzente setzt, wie lang die HiHat offen bleibt, wie die Snare im Refrain „größer“ wird, ohne dass die Band lauter wirken muss.
Was ich besonders schätze: Er spielt selten „über“ dem Song. Er spielt im Song. Genau das macht seinen Stil so wirksam, gerade im Pop-Rock-Kontext, wo Drums gleichzeitig treiben, ordnen und Raum lassen müssen.
Songs, in denen sein Drumming besonders gut hörbar ist
„Mr. Brightside“
Dieser Song ist ein Paradebeispiel für „einfach, aber gnadenlos“. Der Drive lebt von Stabilität und Wiederholung, und genau das muss man aushalten können, ohne zu verkrampfen. Vannucci hält den Puls stoisch und erzeugt dadurch diese unaufhaltsame Vorwärtsbewegung, die den Song bis heute live trägt.
„Somebody Told Me“
Hier zeigt sich seine Fähigkeit, Energie zu bündeln. Der Groove wirkt aggressiver, die Akzente sitzen härter, aber es bleibt kontrolliert. Das ist Rock-Drumming, das nicht zerfasert, sondern die Spannung zusammenhält.
„When You Were Young“
Ein Song, bei dem Drums Arrangement sind. Vannucci stützt die Dramaturgie, öffnet Refrains, markiert Übergänge und bleibt trotzdem im Dienst des Gesamtbildes. Der Song wird groß, weil das Schlagzeug genau weiß, wann es Raum macht und wann es drückt.
„All These Things That I’ve Done“
Für mich ein Lehrstück in Sachen Steigerung. Der Groove hält das Fundament, während die Band Schicht um Schicht aufbaut. Vannucci schafft es, die Intensität zu erhöhen, ohne dass er ständig „mehr Noten“ spielt. Das ist musikalische Reife.
„Read My Mind“ und „Spaceman“
Hier hört man gut, wie er Rock-Drums und Pop-Ästhetik verbindet. Der Beat ist klar, der Puls wirkt fast „maschinenstabil“, bleibt aber menschlich. Das ist schwerer, als es klingt, weil es Präzision ohne Sterilität verlangt.
Equipment: Ronnie Vannucci
Vannucci ist kein Drummer, der über exotische Speziallösungen definiert ist. Seine Setups sind professionell, roadtauglich und auf einen druckvollen, klaren Live-Sound ausgelegt. Die Grundidee passt zu seinem Stil: zuverlässige Hardware, saubere Ansprache, kontrollierbare Becken, und ein Setup, das Dynamik zulässt, statt sie zu erschlagen. Sein Sound kommt spürbar mehr aus Artikulation und Balance als aus „Tricks“.
Vannuccis Setup ist spannender, als man bei einer großen Pop-Rock-Band vielleicht erwartet, weil er lange einen deutlichen Hang zu Vintage-Drums hatte und das auch in Interviews offen beschreibt. Für die Sam’s Town-Phase spricht er davon, dass er viel altes Zeug im Fundus hatte und sich am Ende bei Ludwig-Drums und verschiedenen Snares eingependelt hat, unter anderem Ludwig Supra-Phonics, eine 6,5″ x 14″ Leedy Black Elite, Slingerland Radio Kings und ein Craviotto. Für Day & Age sagt er dann sehr klar: „But Day And Age is all Craviotto.“
Bei den Becken ist das Bild ähnlich: Er hat in der Vergangenheit sehr bewusst mit ungewöhnlichen Kombinationen gearbeitet. Für die Sam’s Town-Tour erwähnt er zum Beispiel, dass er sich live einen anderen Hi-Hat-Sound bauen wollte und dafür ein altes 18″ Zildjian Ride aus den 1940ern zusammen mit einem K Constantinople Crash als HiHats eingesetzt hat. In einem Track habe er sogar zwei 22″ K Constantinople Rides als Hi-Hats verwendet, eins höher, eins tiefer.
Das erklärt auch gut, warum seine Hi-Hat bei vielen Killers-Liveaufnahmen nicht „Standard-Rock-HiHat“ klingt, sondern etwas breiter und komplexer wirkt.
Aktuell wird er auf Equipboard mit einem Istanbul-Agop-Setup geführt, das ziemlich eindeutig auf musikalische Breite und einen eher organischen, nicht zu spitzen Livesound zielt: 15″ 30th Anniversary Hi-Hats, 22″ Traditional Medium Crash, 22″ Traditional Dark Crash, als Ride entweder ein 24″ Joey Waronker Ride oder ein 24″ 30th Anniversary Ride sowie ein 22″ Traditional Swish/China mit Nieten.
Das ist eine sehr „reife“ Auswahl: größere Durchmesser, mehr Fläche, mehr Fundament, weniger schrilles Top-End. Bei den Sticks taucht er mit Signatures gleich doppelt auf. Zum einen mit den Zildjian Ronnie Vannucci Artist Series Drumsticks, die laut Eintrag in einem Modern-Drummer-Kontext erwähnt werden. Zum anderen mit den Innovative Percussion Ronnie Vannucci RV-1 Signature Drumsticks, die er selbst in einem Instagram-Post bestätigt hat. Und weil The Killers live längst hybrid denken, ist auch Elektronik Teil seines Setups: Auf der Wonderful Wonderful-Tour wird ein Roland SPD-SX als sichtbare Ergänzung genannt.
Fürs tägliche Warm-up und die Handgesundheit wird außerdem ein Reflexx CP1 Conditioning Pad aufgeführt.
Warum er für mich zu den Besten gehört
Ronnie Vannucci ist ein Drummer, den viele erst dann richtig einordnen, wenn sie die Songs ernsthaft nachspielen. Dann wird klar, dass sein Spiel nicht simpel ist, sondern präzise gewählt. Er ist in einer Kategorie, die im Drumming oft zu selten gefeiert wird: Drummer, die Songs besser machen, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Genau deshalb gehört er für mich zu den Besten seines Fachs.
Ronnie Vannucci Jr. in Kürze
Signature-Moves
- Stabiler Achtel-Drive mit kontrollierten Akzenten
- Refrains „öffnen“ über Dynamik statt Notendichte
- Übergänge und Fills als klare Formmarker
- Rock-Power mit Pop-Präzision, ohne steif zu wirken
Hörtipps: Wo sein Stil besonders glänzt
- „Mr. Brightside“ (Drive und Ausdauer)
- „When You Were Young“ (Dramaturgie und Aufbau)
- „All These Things That I’ve Done“ (Steigerung ohne Overplaying)
- „Somebody Told Me“ (Attack und Kontrolle)
- „Read My Mind“ / „Spaceman“ (Pop-Rock-Ästhetik mit Timing-Feinsinn)
Zum Nachspielen: Mini-Fokus fürs Üben
- Spiele den Groove bewusst „einfach“ und halte die Spannung über Dynamik.
- Übe Refrain-Übergänge so, dass der Puls stabil bleibt und nur die Energie steigt.
- Achte darauf, dass Hi-Hat und Snare Balance halten und die Becken nicht alles zudecken.
