Anderson .Paak ist vieles: Sänger, Rapper, Produzent, Songwriter, Multiinstrumentalist und Entertainer. Doch bevor er mit Bruno Mars als Silk Sonic die größten Bühnen der Welt eroberte, mit Dr. Dre arbeitete oder Grammys gewann, war da vor allem eines: ein Schlagzeug.
Wer Anderson .Paak auf der Bühne erlebt, merkt schnell, dass das Schlagzeug für ihn kein Instrument im Hintergrund ist. Es ist ein Teil seiner Persönlichkeit. Er singt, rappt, tanzt und trommelt, häufig gleichzeitig. Dabei verbindet er Hip-Hop, Soul, Funk, R&B und Gospel zu einem Sound, der gleichzeitig retro und ausgesprochen modern wirkt. Seine Geschichte ist dabei alles andere als eine klassische Erfolgsgeschichte. .Paak musste sich seinen Platz in der Musik über viele Jahre erarbeiten. Es gab Phasen des Zweifelns, finanzielle Schwierigkeiten und berufliche Rückschläge. Gerade diese Erfahrungen haben vermutlich dazu beigetragen, dass aus dem talentierten Drummer aus Oxnard, Kalifornien, einer der vielseitigsten Musiker seiner Generation wurde.
Von Oxnard in die Kirche – die ersten Schritte am Schlagzeug
Anderson .Paak wurde 1986 als Brandon Paak Anderson in Oxnard, Kalifornien, geboren. Seine Mutter ist koreanischer Herkunft, sein Vater afroamerikanischer Herkunft. Musikalisch wuchs er mit einer ungewöhnlich breiten Mischung auf. Seine Mutter hörte viel Soul aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Curtis Mayfield und Al Green gehörten zu den Künstlern, deren Musik ihn früh prägte. Gleichzeitig war .Paak als Kind ein typischer MTV-Kid und begeisterte sich für Hip-Hop. Dr. Dre, Snoop Dogg, A Tribe Called Quest und Nas gehörten ebenso zu seiner musikalischen Welt. Das Schlagzeug kam zunächst eher zufällig ins Spiel. Mit etwa zwölf Jahren begann er in der Schule Schlagzeug zu spielen, eigentlich hatte er sich für Saxofon interessiert. Doch die vorhandenen Saxofonplätze waren bereits vergeben.
Zu Hause stand außerdem ein Schlagzeug seines Stiefvaters. Als .Paak sich daran setzte, machte es offenbar sofort Klick. Er beschrieb später, dass sich das Instrument für ihn ungewöhnlich natürlich angefühlt habe.
Die entscheidende musikalische Schule wurde anschließend die Kirche. .Paak spielte viele Jahre in einer baptistischen Gemeinde Schlagzeug. Dort lernte er etwas, das seine spätere Karriere entscheidend prägen sollte: Groove ist nicht nur eine Frage von Technik und Noten, sondern vor allem von Gefühl, Dynamik und Kommunikation. Gerade Gospel-Schlagzeuger müssen auf Sänger, Chor, Bass und die Stimmung des gesamten Raumes reagieren. Das Spiel ist häufig spontan und körperlich. Für einen späteren Hip-Hop- und R&B-Drummer ist das eine hervorragende Grundlage.
Zwischen Gospel, Hip-Hop und Soul
Die Liste seiner musikalischen Vorbilder zeigt, wie weit .Paaks musikalischer Horizont schon früh war. Er nennt unter anderem Stevie Wonder, The Beatles, Radiohead, Beck, J Dilla, Jay-Z, Kanye West und The Neptunes als wichtige Einflüsse. Dazu kommen die Soul-Klassiker seiner Kindheit und natürlich die Hip Hop-Kultur der West Coast. Besonders interessant ist dabei die Verbindung von J Dilla und Gospel. J Dillas Produktionen waren berühmt für ihre ungewöhnliche Rhythmik. Seine Beats wirkten oft bewusst „unperfekt“ und verschoben sich leicht gegen das Raster. Genau dieses Gefühl für Timing – die Spannung zwischen einem starren Beat und einem lebendigen menschlichen Groove – findet man auch bei .Paak. Auf der anderen Seite steht seine Gospel-Erfahrung. Sie liefert ihm ein starkes rhythmisches Fundament und ein Gespür für Dynamik. Hinzu kommt der Einfluss von Funk und Soul. .Paak denkt Rhythmus nicht isoliert. Bass, Drums, Gesang und Melodie gehören bei ihm zusammen. Das erklärt auch, warum sein Schlagzeugspiel selten nach klassischem „Drummer-Show-off“ klingt. Er spielt nicht möglichst viele Noten, sondern versucht, den Song größer zu machen.
Der lange Weg zum Durchbruch
In seinen Zwanzigern trat .Paak zunächst unter dem Namen Breezy Lovejoy auf. Er veröffentlichte eigene Musik, produzierte und arbeitete als Musiker.
Gleichzeitig spielte er Schlagzeug für andere Künstler. Unter anderem war er als Tour-Drummer für die Sängerin Haley Reinhart unterwegs.
Diese Phase ist für die Entwicklung des späteren Anderson .Paak enorm wichtig. Denn während seine eigene Künstlerkarriere noch nicht richtig Fahrt aufgenommen hatte, sammelte er als Drummer wertvolle Live-Erfahrung.
Dann folgte ein besonders schwieriger Abschnitt. Nachdem er einen Job auf einer Farm verloren hatte, geriet seine Familie in finanzielle Schwierigkeiten und wurde zeitweise obdachlos.
Ausgerechnet in dieser Situation ergab sich eine wichtige berufliche Chance. Der Produzent Shafiq Husayn nahm ihn unter seine Fittiche und beschäftigte ihn zunächst als Assistenten. .Paak arbeitete dort unter anderem als Videograf und Produzent und bekam Zugang zu professionellen Studios. Er konnte dadurch weiter Musik aufnehmen – und begann, seine unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander zu verbinden.
Schlagzeuger. Sänger. Rapper. Produzent.
Aus diesen einzelnen Rollen entstand langsam die Figur Anderson .Paak.
„Venice“ und „Malibu“ – Anderson .Paak findet seine Stimme
2014 erschien das Album Venice, erstmals unter dem Namen Anderson .Paak. Es war ein wichtiger Schritt weg vom früheren Künstlernamen und hin zu einer eigenständigen musikalischen Identität. Der große Durchbruch folgte jedoch mit Malibu im Jahr 2016. Das Album verband Soul, Funk, Hip-Hop, R&B und elektronische Einflüsse. Vor allem aber zeigte es, dass .Paak nicht in eine einzige Schublade passte. Ein entscheidender Karriere-Moment war bereits zuvor die Zusammenarbeit mit Dr. Dre. Dr. Dre hatte .Paak zunächst über seine Musik kennengelernt und nahm ihn schließlich in die Arbeit an seinem Album Compton auf. .Paak war auf mehreren Songs des Albums zu hören und plötzlich befand er sich mitten in einer der wichtigsten Produktionen des zeitgenössischen Hip-Hop. Für einen Musiker aus Oxnard, der Jahre zuvor noch darum kämpfen musste, überhaupt von seiner Musik leben zu können, war das ein gewaltiger Schritt.
Der Drummer im Mittelpunkt
Was Anderson .Paak als Drummer besonders macht, wird deutlich, wenn man ihn live betrachtet. Er sitzt nicht einfach hinter einem Drumset und begleitet einen Sänger. Er ist der Sänger. Und gleichzeitig der Drummer. Diese Kombination ist sein Markenzeichen. Während er singt oder rappt, spielt er häufig mit enormer körperlicher Präsenz. Seine Bewegungen sind groß, seine Hi-Hat-Arbeit präzise, die Snare sitzt selbstbewusst auf dem Backbeat und die Grooves besitzen eine deutliche Funk- und Gospel-DNA. Dabei wirkt sein Spiel häufig locker und spontan. Genau das ist jedoch eine der schwierigsten Eigenschaften eines guten Drummers: Lockerheit kontrolliert aussehen zu lassen. .Paak besitzt ein ausgeprägtes Gespür für Pocket. Seine Grooves wirken nicht steril quantisiert, sondern lebendig. Er weiß, wann eine Note exakt sitzen muss und wann ein leichtes Vor- oder Hinter-dem-Beat-Spielen dem Song mehr Charakter gibt. Das ist eine Fähigkeit, die sich nicht allein aus Schlagzeugunterricht entwickeln lässt. Sie entsteht durch jahrelanges Spielen mit anderen Musikern. Und genau hier zeigt sich die Bedeutung seiner Gospel-Vergangenheit.
Nicht der schnellste Drummer – aber der richtige Drummer
.Paaks Schlagzeugspiel ist kein Zirkus. Er versucht nicht, durch möglichst komplizierte Fills zu beweisen, wie gut er Schlagzeug spielen kann. Seine Stärke liegt vielmehr darin, den richtigen Groove für den jeweiligen Moment zu finden. Das kann ein trockener Hip-Hop-Beat sein, ein funkiger Shuffle, ein Gospel-Groove oder ein soulige Backbeat. Entscheidend ist immer die musikalische Funktion. Dabei besitzt er ein bemerkenswertes Timing. Besonders seine Snare-Platzierung und sein Umgang mit der Hi-Hat verleihen seinen Grooves Charakter. Sein Spiel erinnert dadurch weniger an einen klassischen Rock-Drummer als an eine Mischung aus Hip-Hop-Beatmaker, Gospel-Drummer und Funk-Musiker. Und genau darin liegt seine Besonderheit.
.Paak hat verstanden, wie moderne Musikproduktion und klassisches Drumming keine Gegensätze sein müssen.
NxWorries – Beats, Samples und Live-Drums
Ein weiterer wichtiger Baustein seiner Karriere ist NxWorries, das Duo mit dem Produzenten Knxwledge. Hier treffen .Paaks Gesang und Drumming auf die stark sampleorientierte Produktionsweise von Knxwledge. Das Ergebnis bewegt sich zwischen Soul, R&B, Hip-Hop und experimenteller Beatmusik. Besonders interessant für Drummer ist dabei das Verhältnis zwischen programmierten Beats und echten Drums. .Paak versteht, wie ein Beat funktionieren muss, weil er ihn nicht nur als Sänger hört, sondern als Schlagzeuger fühlt. Das hört man auch in seiner Zusammenarbeit mit Produzenten. Er denkt in rhythmischen Mustern und kann elektronische oder gesampelte Elemente so interpretieren, dass sie auf der Bühne organisch wirken.
Silk Sonic: Der Retro-Groove wird zum Welterfolg
2021 folgte dann ein weiterer Höhepunkt: Gemeinsam mit Bruno Mars gründete .Paak Silk Sonic. Das Album An Evening with Silk Sonic war eine bewusste Reise zurück in die Soul- und Funk-Ästhetik der 1970er-Jahre. Und auch hier spielte das Schlagzeug eine zentrale Rolle. Die Produktionen sind bewusst organisch angelegt. Statt maximaler moderner Produktion steht der Eindruck einer echten Band im Vordergrund. Bass, Schlagzeug, Percussion, Bläser und Streicher verschmelzen zu einem großen, analogen Klangbild. Der Erfolg war enorm.
„Leave the Door Open“ wurde zum weltweiten Hit, Silk Sonic gewann mehrere Grammys und .Paak erreichte damit ein Publikum, das weit über die Hip-Hop- und Alternative-R&B-Szene hinausging. Für Schlagzeuger ist Silk Sonic außerdem ein schönes Beispiel dafür, dass Vintage-Sound nicht automatisch Vintage-Denken bedeutet. .Paak und Mars kopieren die Vergangenheit nicht einfach. Sie nehmen deren musikalische Sprache und übersetzen sie in die Gegenwart.
Mehr als nur ein Drummer
Nach seinen Erfolgen als Solokünstler und mit Silk Sonic hätte .Paak problemlos den klassischen Weg zum Popstar einschlagen können. Stattdessen blieb er musikalisch neugierig. Er arbeitete weiterhin als Produzent und Musiker, veröffentlichte Musik mit NxWorries und übernahm zunehmend auch Aufgaben außerhalb der klassischen Musikerrolle. 2024 schrieb, inszenierte und spielte er beispielsweise in dem Film K-Pops!, in dem auch sein Sohn Soul eine Rolle übernahm. Seine Karriere zeigt damit etwas Entscheidendes: Anderson .Paak betrachtet sich offenbar nicht als Musiker, der sich auf eine einzige Funktion reduzieren möchte. Er ist Künstler und das Schlagzeug ist eines seiner wichtigsten Ausdrucksmittel.
Anderson .Paak heute
Auch 2026 ist .Paak alles andere als aus dem Musikgeschehen verschwunden. Mit Bruno Mars ist er weiterhin als Silk Sonic aktiv und begleitet Mars auf dessen großer The Romantic Tour. Dabei tritt .Paak nicht nur als Teil von Silk Sonic auf, sondern übernimmt mit seinem DJ-Alter-Ego DJ Pee .Wee auch eine eigene Rolle innerhalb der Shows. Gleichzeitig bleibt NxWorries ein wichtiger Bestandteil seiner musikalischen Arbeit. Das 2024 erschienene Album Why Lawd? mit Knxwledge brachte dem Duo einen weiteren Grammy und zeigte, dass .Paak auch nach dem gigantischen Silk-Sonic-Erfolg nicht auf Nummer sicher gehen wollte. Seine Karriere bewegt sich damit weiterhin zwischen verschiedenen Welten: Solo-Künstler, Produzent, Schauspieler, DJ, Sänger – und Drummer.
Was Drummer von Anderson .Paak lernen können
Vielleicht liegt genau hier die wichtigste Lektion seiner Karriere. Anderson .Paak zeigt, dass ein Drummer nicht zwangsläufig der technisch spektakulärste Musiker im Raum sein muss.
Er muss wissen, was ein Song braucht. .Paaks Spiel basiert auf Groove, Timing, Dynamik und Persönlichkeit. Er verbindet die Präzision eines Studiomusikers mit der Spontaneität eines Gospel-Drummers und der rhythmischen Sprache des Hip-Hop. Vor allem aber spielt er mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit. Wenn er hinter seinem Drumset sitzt, wirkt es nicht so, als würde er „gleichzeitig noch Schlagzeug spielen“. Es wirkt vielmehr so, als wären Gesang, Bewegung und Schlagzeug für ihn ein einziger musikalischer Ausdruck. Und vielleicht ist genau das sein größtes Talent. Anderson .Paak hat das Schlagzeug nicht benutzt, um sich vom Rest der Band abzuheben. Er hat es benutzt, um seine gesamte musikalische Identität zusammenzuhalten.
Vom zwölfjährigen Jungen, der eher zufällig am Schlagzeug landete, über den Kirchenmusiker und Tour-Drummer bis hin zum Grammy-prämierten Weltstar zieht sich deshalb ein roter Faden durch seine Karriere:
Der Groove war immer zuerst da. Und Anderson .Paak hat gelernt, ihn überall hin mitzunehmen.
