Was sind eigentlich … Gospel Chops?

Was sind eigentlich... Gospel Chops?

Wer sich mit modernem Schlagzeugspiel beschäftigt, kommt an ihnen kaum vorbei: rasend schnelle Hand-Fuß-Kombinationen, überraschende Akzentverschiebungen, fließende Bewegungen über Snare und Toms und Fills, die manchmal eher wie ein komplettes Solo als wie eine Überleitung klingen. Im Internet werden solche Figuren häufig unter einem Begriff zusammengefasst: Gospel Chops.
Doch was steckt eigentlich dahinter? Woher kommt diese Spielweise, wer hat sie geprägt und warum klingt sie so spektakulär?

Die Wurzeln liegen in der Kirche

Um Gospel Chops zu verstehen, muss man zunächst einen Schritt zurückgehen. Die Wurzeln liegen im zeitgenössischen afroamerikanischen Gospel-Drumming, insbesondere in Kirchen in den USA. Dort entwickelte sich über Jahrzehnte eine sehr eigenständige Schlagzeugkultur. Der Drummer hat in vielen dieser musikalischen Situationen eine besondere Aufgabe: Er begleitet nicht einfach ein feststehendes Arrangement, sondern reagiert unmittelbar auf Sänger, Chor, Band und häufig auch auf den Verlauf des Gottesdienstes. Musik kann spontan verlängert werden, ein Sänger kann eine Phrase wiederholen oder ein musikalischer Abschnitt kann plötzlich in eine andere Dynamik wechseln. Der Schlagzeuger muss zuhören, reagieren und gleichzeitig den Groove halten.

Genau diese Umgebung wurde für viele spätere Gospel- und R&B-Schlagzeuger zu einer enorm wichtigen Schule. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Entwicklung des zeitgenössischen Gospel-Drummings beschreibt die Kirche entsprechend als einen prägenden Ausbildungsort, an dem Drummer neben technischen Fähigkeiten vor allem musikalische Anpassungsfähigkeit entwickelten.

Dabei ist wichtig: Gospel Chops sind nicht plötzlich Anfang der 2000er entstanden. Die technischen und musikalischen Grundlagen reichen deutlich weiter zurück. Neu war vor allem die enorme Sichtbarkeit, die diese Spielweise durch Videos, DVDs und später das Internet bekam.

Von der Kirche ins Internet

Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Plattform GospelChops. Gerald Forrest gründete die Website 2004 mit dem Ziel, Gospel-Musiker und ihre Musik stärker sichtbar zu machen. Aus dieser Plattform entwickelte sich eine Bewegung, die die bis dahin vor allem innerhalb der Kirchen bekannte Spielweise einem weltweiten Schlagzeugpublikum zugänglich machte. Besonders wichtig waren die sogenannten „Shed Sessionz“. In diesen Videos trafen sich herausragende Drummer zu gemeinsamen Sessions und zeigten, was technisch und musikalisch möglich war. Die erste Ausgabe präsentierte unter anderem Tony Royster Jr. und Thomas Pridgen und wurde zu einem großen Erfolg in der Schlagzeugwelt. Damit bekamen Gospel Chops einen Namen und ein Gesicht. Was zuvor eine spezielle Spielkultur innerhalb der Gospel-Szene gewesen war, wurde nun von Schlagzeugern auf der ganzen Welt analysiert, nachgespielt und weiterentwickelt.

Die Drummer hinter dem Sound

Wenn man über Gospel Chops spricht, kommt man an einigen Namen kaum vorbei.

Gerald Heyward gilt als einer der wichtigen Wegbereiter des modernen Gospel- und R&B-Drummings. Sein kraftvoller, aggressiver und gleichzeitig musikalischer Ansatz prägte eine ganze Generation. Besonders charakteristisch ist die Verbindung aus einem extrem starken Groove, markanten Akzenten und komplexen Fills.

Eric Moore wurde international vor allem durch seine extrem schnelle und technisch anspruchsvolle Spielweise bekannt. Er war einer der Drummer, deren Videos dazu beitrugen, die Ästhetik der Gospel Chops einem breiten Publikum zu vermitteln.

Tony Royster Jr. wiederum verband technische Virtuosität mit einem hohen Maß an Showmanship und musikalischer Präzision. Seine Auftritte und die „Shed Sessionz“ machten ihn zu einem der bekanntesten Gesichter der Bewegung. Sein Gospel-beeinflusstes Vokabular fand schließlich auch seinen Weg in Pop- und Hip-Hop-Produktionen.
Auch Aaron Spears, Brian Frasier-Moore, Larnell Lewis und viele weitere Drummer haben Gospel-Drumming und seine technischen Konzepte in ihre eigene Sprache integriert. Viele von ihnen haben ihre musikalische Ausbildung in der Kirche begonnen. Dabei sollte man Gospel Chops allerdings nicht auf einzelne Stars reduzieren. Die eigentliche Entwicklung entstand aus einer großen Community von Musikern, die diese Spielweise über Jahre innerhalb der Gospel-Szene weitergegeben und verändert haben.

Wie klingen Gospel Chops eigentlich?

Die vielleicht einfachste Antwort lautet: extrem dicht, dynamisch und überraschend.
Typisch sind schnelle Figuren, bei denen Hände und Füße miteinander kombiniert werden. Ein Fill kann beispielsweise mit der Snare beginnen, auf die Toms wandern, durch eine Bassdrum-Note unterbrochen werden und anschließend mit einem Akzent auf dem Crash enden. All das innerhalb eines einzigen Taktes. Dabei geht es aber nicht ausschließlich um Geschwindigkeit. Ein wichtiges Merkmal ist die Linearität. Bei einem linearen Pattern werden die einzelnen Schläge so verteilt, dass nicht mehrere Gliedmaßen gleichzeitig spielen. Statt beispielsweise einen klassischen Snare-Bassdrum-Unisono-Schlag zu spielen, wandern die Noten nacheinander durch Hände und Füße. Das erzeugt diesen sehr flüssigen, beinahe „perlenden“ Eindruck.

Dazu kommen Akzentverschiebungen, Rudiments, Ghost Notes, Double Strokes, Paradiddles, Flams, Hertas und ungewöhnliche Gruppierungen. Viele dieser Elemente sind für sich genommen keineswegs neu. Das Besondere liegt vielmehr darin, wie sie miteinander kombiniert und über das gesamte Drumset verteilt werden.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist das Spiel mit Dynamik. Ein Gospel-Fill besteht nicht zwangsläufig aus einer Wand gleich lauter Schläge. Gerade der Wechsel zwischen leisen Ghost Notes und extrem kräftigen Akzenten sorgt für den charakteristischen musikalischen Effekt.

Und schließlich spielt der Groove eine entscheidende Rolle. Ein Gospel-Chops-Fill funktioniert nicht deshalb gut, weil möglichst viele Noten darin vorkommen. Er funktioniert, wenn er rhythmisch präzise sitzt und musikalisch auf den Groove reagiert.

Was bringt mir das als Schlagzeuger?

Gospel Chops zu lernen, hat einen großen Vorteil: Sie erweitern das technische und rhythmische Vokabular.
Wer sich mit solchen Figuren beschäftigt, trainiert unter anderem:

  • Hand-Fuß-Koordination
  • Unabhängigkeit der Gliedmaßen
  • Geschwindigkeit und Kontrolle
  • Dynamik
  • Akzentuierung
  • Rudiment-Anwendung am gesamten Drumset
  • rhythmische Präzision
  • lineares Spiel
  • Flüssigkeit bei Fill-ins

Besonders interessant ist, dass viele dieser Fähigkeiten nicht auf Gospel-Musik beschränkt sind. Ein gut kontrolliertes lineares Fill kann genauso gut in Funk, Pop, R&B, Fusion oder sogar Rock funktionieren.
Gospel Chops können außerdem dabei helfen, aus dem klassischen Denken in „einem Fill pro Takt“ auszubrechen. Statt eine vorgefertigte Phrase abzuspulen, lernt man, kleine rhythmische Bausteine miteinander zu verbinden und spontan über das Set zu bewegen. Das macht die Technik auch für Improvisation interessant.

Aber: Gospel Chops sind mehr als „möglichst viele Noten“ Gerade hier liegt eine Gefahr. Wer zum ersten Mal spektakuläre Gospel-Fills sieht, könnte den Eindruck bekommen, es gehe hauptsächlich darum, möglichst schnell und möglichst kompliziert zu spielen. Genau das wäre jedoch eine sehr oberflächliche Betrachtung. Die technische Seite ist nur ein Teil des Konzepts. Die eigentliche Stärke des Gospel-Drummings liegt in der Verbindung von Technik und musikalischer Reaktion. Ein Fill muss einen musikalischen Sinn ergeben. Er muss zum Sänger, zum Groove und zur Dynamik der Band passen.

Aaron Spears hat den Begriff „Gospel Chops“ deshalb selbst eher als Ausdrucksmittel verstanden und nicht als festgelegten Stil oder eine bestimmte Spielweise. Das ist ein wichtiger Punkt: Gospel Chops sind kein Wettbewerb darum, wer die meisten Schläge in eine Sekunde bekommt.

Wie werden Gospel Chops notiert?

Auf dem Papier sehen Gospel Chops zunächst gar nicht so spektakulär aus. Grundsätzlich werden sie mit ganz normaler Schlagzeugnotation notiert.
Die Herausforderung liegt vielmehr in der rhythmischen Genauigkeit und der Zuordnung der einzelnen Instrumente.
Eine typische Figur kann beispielsweise aus einer Kombination von Snare, Toms, Hi-Hat und Bassdrum bestehen. Zusätzlich können Akzente und Ghost Notes markiert werden. Bei komplizierteren Figuren kommen Triolen, Sechzehntel, Sextolen oder noch feinere Unterteilungen zum Einsatz.

Besonders hilfreich ist es, bei anspruchsvollen Figuren zusätzlich die Sticking-Angaben zu notieren. Also beispielsweise:

R L R L R F L F

oder

R L K R K L R L

Dabei stehen R und L für rechte und linke Hand, K beziehungsweise F für den Fuß. So wird sichtbar, welche Bewegung hinter der Notenfolge steckt. Zwei rhythmisch identische Figuren können nämlich völlig unterschiedlich gespielt werden, wenn man das Sticking verändert. Auch die lineare Spielweise lässt sich in der Notation gut erkennen: Die einzelnen Instrumente werden nacheinander notiert, anstatt dass mehrere Stimmen gleichzeitig erklingen.

Für eine Lernnotation kann es deshalb sinnvoll sein, drei Informationen gleichzeitig zu betrachten:

Rhythmus – Instrument – Sticking

Hat man diese drei Ebenen verstanden, wird aus einem zunächst völlig verrückt aussehenden Gospel-Fill plötzlich eine nachvollziehbare Abfolge von Bewegungen. Vom „Chop“ zur eigenen Sprache.

Das vielleicht größte Missverständnis besteht darin, Gospel Chops mit bestimmten Licks gleichzusetzen. Natürlich gibt es unzählige typische Patterns, die man lernen kann. Wer aber nur bekannte Licks auswendig lernt, besitzt am Ende eine Sammlung von Phrasen und noch keine eigene musikalische Sprache. Sinnvoller ist es, die dahinterliegenden Konzepte zu verstehen. Was passiert, wenn ich einen Paradiddle über Snare und Toms verteile, oder ich eine Bassdrum in die Figur integriere? Was passiert, wenn ich einen Akzent verschiebe, oder ich aus einer Sechzehntel-Figur eine Sextolenfigur mache? Und wie verändert sich der musikalische Effekt, wenn ich die gleiche Figur leise oder mit extremen Akzenten spiele? Genau an diesem Punkt werden Gospel Chops interessant: Aus einzelnen Übungen werden Bausteine für die eigene Sprache.

Fazit

Gospel Chops sind weit mehr als spektakuläre Drumfills. Ihre Wurzeln liegen im zeitgenössischen Gospel-Drumming afroamerikanischer Kirchen, wo Schlagzeuger über Jahrzehnte ein extrem reaktionsschnelles, dynamisches und technisch anspruchsvolles Vokabular entwickelten. Durch Drummer wie Gerald Heyward, Eric Moore, Tony Royster Jr. und Aaron Spears sowie durch Plattformen wie GospelChops wurde diese Spielweise schließlich weltweit bekannt. Technisch verbinden Gospel Chops unter anderem Rudiments, lineares Spiel, Hand-Fuß-Koordination, Akzentverschiebungen und dynamische Kontrolle. Für Schlagzeuger sind sie deshalb ein hervorragendes Werkzeug, um das eigene Vokabular zu erweitern. Aber vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis eine andere: Gospel Chops sind nicht deshalb interessant, weil sie kompliziert sind, sondern weil sie zeigen, wie Technik zu musikalischem Ausdruck werden kann.

Wer sich darauf einlässt, sollte deshalb nicht nur versuchen, möglichst schnelle Licks zu lernen. Viel spannender ist es, die dahinterliegenden Konzepte zu verstehen und daraus irgendwann seine ganz eigenen „Chops“ zu entwickeln.

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