Kaum ein Drummer-Mythos hält sich so hartnäckig wie dieser: „Ringo Starr war bei den Beatles eigentlich kein guter Schlagzeuger.“ Der Satz taucht regelmäßig in Foren, Kommentarspalten und Social-Media-Diskussionen auf. Meistens wird er mit denselben Argumenten begründet: Ringo spielte keine langen Soli, keine komplizierten Fusion-Licks und keine spektakulären Technik-Feuerwerke. Doch hier liegt der Denkfehler. Wer Ringo Starr nur an Geschwindigkeit, Virtuosität oder Solo-Fähigkeiten misst, übersieht, was gutes Drumming in einem Song leisten kann.
Ringo Starr ist nicht der Drummer, der sich vor den Song stellte. Er ist der Drummer, der den Song größer machte. Und deshalb gehört er zu den wichtigsten Schlagzeugern der modernen Musikgeschichte.
Woher kommt der Mythos?
Ein Teil des Mythos hat eine historische Grundlage. Als die Beatles 1962 ihre ersten Aufnahmen machten, war Produzent George Martin anfangs unsicher, ob der gerade erst eingestiegene Ringo Starr im Studio die richtige Besetzung war. Für eine spätere „Love Me Do“-Session wurde deshalb Session-Drummer Andy White
eingesetzt, während Ringo Tamburin spielte. Die offizielle Beatles-Anthology beschreibt diesen Moment als Schock für Ringo, stellt aber auch klar: Es blieb die einzige Situation dieser Art.
Aus dieser Episode wurde über die Jahrzehnte eine stark vereinfachte Erzählung: „Ringo konnte nicht spielen.“ Das ist jedoch Unsinn. Viel richtiger wäre: Ringo kam in eine Band, die sich gerade in rasantem Tempo professionalisierte, und musste sich in kürzester Zeit im Studio beweisen. Genau das tat er, und zwar so überzeugend, dass seine Drum-Parts heute zu den meistzitierten und am häufigsten nachgespielten der Pop- und Rockgeschichte gehören.
Kindheit geprägt von Krankheiten
Ringo Starr wurde am 7. Juli 1940 als Richard Starkey in Liverpool geboren. Seine Kindheit war von schweren Krankheiten und langen Krankenhausaufenthalten geprägt. Gerade dort entwickelte sich sein Interesse am Schlagzeug. Später sagte er rückblickend, er habe mit 13 nur noch eines gewollt: Drummer werden. Nach ersten Erfahrungen in Skiffle-Bands spielte er ab 1959 bei Rory Storm and the Hurricanes, einer der bekanntesten Liverpooler Live-Bands jener Zeit. Am 18. August 1962 stieg er offiziell bei John Lennon, Paul McCartney und George Harrison ein.
Das ist wichtig, weil Ringo nicht als Zufallsdrummer in die Beatles kam. Er war in Liverpool bereits ein erfahrener Live-Musiker. Die Beatles kannten ihn aus der Szene, hatten ihn schon als Aushilfe erlebt und wollten ihn fest in der Band haben. Ringo brachte etwas mit, das für eine Gruppe wie die Beatles entscheidend war: Verlässlichkeit und ein eigenes musikalisches Gefühl.
Sein Stil
Ringo Starrs Drumming ist nicht schwer zu verstehen, aber schwer zu kopieren. Sein Spiel lebt von Ökonomie und Charakter. Er spielte selten zu viel, aber fast immer das Richtige. In einem offiziellen Beatles-Archivclip fasst Ringo seine Philosophie sinngemäß so zusammen:
Wenn jemand singt, gibt es keinen Grund für ein Fill, das den Gesang stört.
Genau das machte ihn so modern. In einer Zeit, in der viele Schlagzeuger noch stark über Virtuosität, Soli und technische Demonstration wahrgenommen wurden, zeigte Ringo eine andere Rolle des Drummers. Nicht als Begleiter im Hintergrund, sondern als Song-Architekt. Seine Parts sind so charakteristisch, dass man den Song allein am Groove erkennen kann.
Man denke an den rollenden Tom-Groove von „Come Together“, das treibende Feeling von „Ticket to Ride“, die Energie von „She Loves You“, die kontrollierte Wucht in „Rain“ oder die musikalischen Fills in „A Day in the Life“.
Die Percussive Arts Society bringt Ringos Bedeutung sehr treffend auf den Punkt: Sein kreativer Input, sein Time-Feel, seine unorthodoxen Fills und sein konsequenter Dienst am Song halfen dabei, die Musik der Beatles zu formen. Der Drummer Steve Smith wird dort mit der Einschätzung zitiert, Ringo habe ein neues Paradigma geschaffen, nämlich den Drummer als gleichwertigen Teilnehmer am kompositorischen Prozess.
Linkshänder auf Rechtshänder-Set: Ringos eigenwillige Handschrift
Ein weiterer Grund für Ringos unverwechselbares Spiel liegt in seiner Körperlichkeit. Er ist von Natur aus Linkshänder, spielte aber auf einem rechtshändig aufgebauten Drumset. Dadurch entstanden Fills und Bewegungen, die für viele Rechtshänder ungewöhnlich wirken. Ringo selbst erklärte in einem Modern-Drummer-Interview, dass er als „left-handed guy with a right-handed kit“ bestimmte Wege über die Toms anders spielen müsse.
Das hört man. Viele seiner Fills wirken leicht versetzt, rund, aber immer musikalisch. Dieser menschliche, leicht ungerade Charakter ist ein Teil seines Sounds. Gerade moderne Drummer, die heute nach organischem Groove suchen, können von Ringo enorm viel lernen.

Equipment: Ludwig, Premier und der berühmte Black-Oyster-Pearl-Look
Auch beim Equipment ist Ringo Starr eine Ikone. Bevor er mit Ludwig assoziiert wurde, spielte er bei den frühen Beatles ein Premier Mahogany Duroplastic Kit. Laut RingosBeatleKits nutzte er dieses Set beim Einstieg in die Beatles am 18. August 1962 bis zum 12. Mai 1963, als er sein erstes Ludwig-Set bekam. Dieses Premier-Set ist auf frühen Beatles-Aufnahmen und BBC-Sessions zu hören.
Der große visuelle und klangliche Durchbruch kam mit seinem Ludwig Oyster Black Pearl Downbeat Kit. Die klassische Konfiguration seines 1963er Ludwig-Sets bestand aus einer 14″x5.5″ Jazz Festival Snare, einem 12″x8″ Tom, einem 14″x14″ Floor Tom sowie einer 20″x14″ Bass Drum. Dieses Set erhielt Ringo am 12. Mai 1963.
Der Look war fast genauso wichtig wie der Sound. Das Black-Oyster-Pearl-Finish, das Beatles-Logo auf dem Bassdrum-Fell und der sichtbare Ludwig-Schriftzug wurden zu einem der bekanntesten Bilder der Popgeschichte. Nach dem Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show 1964, bei dem Ringo mit einem Ludwig Oyster Black Pearl Kit zu sehen war, erlebte Ludwig laut Metropolitan Museum of Art einen enormen Verkaufsanstieg und musste die Produktion ausweiten.
Ringo machte Ludwig damit sehr populär und das Drumset selbst zum Symbol einer neuen Popkultur.
Becken und Sound
Ringos Beckensound war ebenfalls Teil seiner musikalischen Identität. Oft wird pauschal gesagt, er habe einfach „Zildjian gespielt“. Tatsächlich ist die Geschichte differenzierter. Die Dokumentation von RingosBeatleKits nennt für seine Beatles-Ära unter anderem Ajax, Paiste, Super Zyn, Zildjian und Zyn; ab Mitte der 60er wurden Zildjian-Avedis-Becken immer wichtiger.
Sein Drum-Sound war warm, trocken und kompakt. Die Snare saß nicht scharf und aggressiv im Vordergrund, sondern war Teil des Gesamtklangs. Die Toms hatten Tiefe, die Bassdrum war nicht übermächtig, sondern songdienlich eingebettet. Besonders in der späteren Beatles-Phase wurde Ringos Sound zunehmend kontrollierter. Gedämpfte Trommeln runde Toms und ein sehr definierter Groove.
Das ist ein wichtiger Punkt: Ringo Starr prägte nicht nur, was Drummer spielten, sondern auch, wie Drums in Pop-Produktionen klingen.
Warum Ringo moderne Drummer geprägt hat
Ringo Starr hat Generationen von Schlagzeugern beeinflusst, gerade weil sein Spiel erreichbar wirkt. Viele hören Beatles-Songs und denken: „Das kann ich auch.“ Doch sobald man versucht, seine Parts exakt nachzuspielen, merkt man, wie viel Musikalität darin steckt. Das ist Ringos größte Leistung: Er zeigte, dass ein Drummer nicht durch möglichst viele Noten wichtig wird, sondern durch die richtigen Entscheidungen. Er wusste, wann ein Fill gebraucht wurde. Er wusste aber auch, wann Stille besser war.
Die Rock & Roll Hall of Fame beschreibt ihn nicht umsonst als „beating heart“ der Beatles und als Vorbild für Generationen von Drummern. Ringo wurde 2015 solo in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen; die Beatles selbst waren bereits 1988 aufgenommen worden.
Fazit: Schlechter Drummer? Ganz im Gegenteil.
Der Mythos, Ringo Starr sei ein schlechter Drummer gewesen, hält sich vor allem deshalb, weil viele Menschen Drumming mit technischer Zurschaustellung verwechseln. Ringo war kein Drum-Zirkus. Er war kein Solo-Monster. Er war kein Spieler, der jeden Song mit Licks überladen musste.
Er war etwas Wertvolleres, nämlich ein Drummer mit unverwechselbarem Stil.
Seine Grooves waren stabil, seine Fills musikalisch, sein Sound prägend und sein Verständnis für Songs außergewöhnlich. Ohne Ringo würden viele Beatles-Songs nicht so funktionieren, wie wir sie kennen. Und ohne seine Art zu spielen, sähe modernes Pop- und Rock-Drumming vermutlich anders aus.
Ringo Starr war kein schlechter Drummer. Er war einer der ersten großen Song-Drummer der Rockgeschichte!
