Ein unterschätztes Genie: Dino Campanella von Dredg im Porträt

Dino Campanella

Wenn ich an progressive Drummer und Drummerinnen denke, fallen mir Danny Carey, Gavin Harrison, Matt Cameron und Anika Nilles ein. Und dann gibt es Dino Campanella. Der Name taucht in keinen Bestenlisten auf, aber er ist definitiv einer dieser Drummer, bei denen man nach wenigen Takten merkt: Da passiert etwas Eigenes.

Der Drummer, den mehr Leute kennen sollten

Campanella ist der Drummer und Pianist von Dredg, jener kalifornischen Band aus Los Gatos, die seit den späten Neunzigern irgendwo zwischen Art Rock, Alternative, Prog, Post Rock und atmosphärischer Rockmusik unterwegs ist. Die Besetzung ist bis heute klassisch geblieben: Gavin Hayes singt, Mark Engles spielt Gitarre, Drew Roulette Bass, Dino Campanella Schlagzeug und Piano beziehungsweise Keys.  Diese letzte Kombination macht Campanella für Drummer sehr interessant. Er kombiniert Rhythmus und Harmonie simultan.

Dredg: Kunstrock ohne Pose

Dredg gründeten sich 1993 in Los Gatos, Kalifornien. Die Band spielte bereits in Clubs, bevor die Mitglieder überhaupt die Highschool abgeschlossen hatten. Nach frühen EPs erschien 1999 das Debüt Leitmotif, zunächst in Eigenregie, später nach der Interscope-Signierung erneut. Mit El Cielo folgte 2002 das Album, das Dredg endgültig zum Kultthema machte. Danach kamen Catch Without Arms 2005, das Livealbum Live at the Fillmore, The Pariah, The Parrot, The Delusion 2009 und Chuckles and Mr. Squeezy 2011.

Das Spannende an Dredg ist, dass die Band nie in eine Schublade gepasst hat. Anfangs war noch Alternative Metal im Spiel, später wurden die Songs weiter, melodischer, kunstvoller und atmosphärischer. El Cielo ist dafür der Schlüssel. Das Album wurde unter anderem von Salvador Dalís Gemälde Dream Caused by the Flight of a Bee Around a Pomegranate a Second Before Awakening inspiriert und verarbeitet Briefe von Menschen mit Schlafstörungen beziehungsweise Schlafparalyse.

Campanella liefert den passenden Groove für diese Atmosphäre und baut komplexe Pattern ein. Sie wirken schwer und fast schwebend, dann wieder trocken, federnd und songdienlich.

Biografie: Vom Bay-Area-Kid zum Art-Rock-Multitasker

Dino Campanella wuchs musikalisch im Umfeld der Bay Area auf. Mit Gitarrist Mark Engles spielte er schon früh zusammen, später stießen Gavin Hayes und Drew Roulette dazu. Aus dieser Jugendband wurde Dredg. Das erklärt, warum Campanellas Spiel so organisch mit der Band verwachsen klingt. Er Teil der DNA dieser Band.

Neben Dredg war Campanella auch live bei †††, also Crosses, involviert, dem Projekt von Chino Moreno von Deftones und Shaun Lopez von Far. Auch dort fiel er durch seine ungewöhnliche Doppelrolle auf. Berichte und Drum-Cam-Videos zeigen ihn bei Crosses gleichzeitig an Drums und Keys.

Sein Stil: Eine seltsame Eleganz

Campanellas Stil ist schwer zu beschreiben, weil er nicht aus einem einzigen Vokabular kommt. Man hört Rockdrumming, aber nicht die geradeaus geprügelte Version. Man hört Prog, aber ohne den Drang, jede Taktart auszustellen. Man hört Groove, aber nicht in einem klassischen Funk-Sinn. Er spielt eher wie jemand, der rhythmische Spannung aus Form und Wiederholung baut.

Seine Grooves haben einen rollenden Charakter. Er klingt nicht nach Standard-Rockdrummer, obwohl seine Parts immer nachvollziehbar bleiben.

Besonders stark ist sein Gespür für Dynamik. Dredg-Songs arbeiten mit langen Bögen. Sie explodieren nicht sofort, sondern ziehen langsam Spannung auf. Campanella verinnerlicht diese Prinzip. Er kann einen Part zurücknehmen, ohne dass die Energie verschwindet. Und er öffnet einen Refrain, ohne in stumpfes Gebolze zu verfallen.

Die simultane Keyboard-Sache

Der Punkt, der Campanella endgültig aus der Masse hebt, ist sein gleichzeitiges Spiel von Drums und Keyboard. DRUM! Magazine dokumentierte dieses ungewöhnliche Setup in einem Video nach einem Soundcheck in San Jose. Dort wurde beschrieben, wie Campanella bei bestimmten Songs mit rechter Hand und beiden Füßen Schlagzeug spielt, während die linke Hand Keyboardparts übernimmt. Demonstriert wurde unter anderem Material aus dem Titelsong von Catch Without Arms.

Campanella spielt nicht irgendeinen Akkord nebenbei. Er übernimmt eine zusätzliche harmonische Funktion, während der Groove weiterläuft. Für Drummer ist das eine enorme Koordinationsleistung, zu der wohl die wenigsten im Stande sind. Bemerkenswert ist die musikalische Konsequenz, die daraus folgt. Er reduziert den Drum-Part so, dass die linke Hand frei wird, ohne dass der Song zusammenfällt.

Viele Drummer könnten theoretisch mit einer Hand einen einfachen Beat halten. Campanella macht daraus aber Arrangement. Er entscheidet, welche Bewegung am Drumset nötig ist, um gleichzeitig das Keyboard zu bedienen.

Die Schwierigkeit

Simultanes Keyboardspiel am Drumset verlangt komplette Unabhängigkeit. Es verändert die gesamte Körperbalance. Normalerweise sind beide Hände Teil desselben rhythmischen Systems. Bei Campanella kann eine Hand plötzlich harmonisch arbeiten, während die andere Hand, beide Füße und der innere Puls die rhythmische Basis halten. Das ist mental eine absolute Ausnahmeleistung.

Besonders heikel ist dabei die Zeit. Wenn die linke Hand auf dem Keyboard Figur spielt, darf der Groove nicht ungenau werden. Die Snare muss trotzdem sitzen. Die Bassdrum muss weiterhin den Song tragen. Die rechte Hand darf nicht verkrampfen, nur weil ihr plötzlich die gewohnte Partnerhand fehlt. Wer das einmal selbst ausprobiert, merkt sehr schnell, dass es nahezu unmöglich ist.

Songs zum Kennenlernen

Wer Campanella kennenlernen will, sollte mit El Cielo beginnen. In „Same Ol’ Road“ hört man gut, wie er einen Song tragen kann.Der Groove ist nicht überladen, die Drums setzen klare Konturen.

„Sanzen“ zeigt seine härtere Seite. Hier bekommt man diesen schiebenden Campanella-Drive, der dem Song eine klare Kante gibt. Auch „Of the Room“ lohnt sich, weil hier seine Fähigkeit auffällt, Spannung über Wiederholung und kleine Veränderungen aufzubauen.

Auf Catch Without Arms wird sein Spiel direkter. „Bug Eyes“ hat einen sehr eingängigen Rockpuls, aber Campanella phrasiert ihn mit mehr Persönlichkeit, als der Song auf den ersten Blick verlangt. Der Titelsong „Catch Without Arms“ ist wegen der Keyboard-Drum-Kombination besonders interessant. Hier hört man, wie stark seine Rolle innerhalb der Band über klassisches Drumming hinausgeht.

Auf The Pariah, The Parrot, The Delusion verschiebt sich der Fokus wieder. Songs wie „Information“ oder „Saviour“ zeigen einen Drummer, der noch stärker in Klangflächen, Stimmungen und größeren Arrangements denkt.

Gear: Sonor und OCDP

Campanellas Gear-Geschichte ist nicht so sauber dokumentiert wie bei vielen Mainstream-Drummern, was irgendwie zu seiner Understatement-Rolle passt. Verlässlich belegt ist seine Verbindung zu SONOR. Laut offizieller SONOR-Artist-Seite gehört er seit 2009 zur SONOR Artist Family.

Aus früheren Dredg-Phasen ist außerdem ein OCDP-Setup dokumentiert. Die damalige Artist-Seite listete ein Clear Cast Acrylic Kit Black-Beauty auf.

Sein Setup ist ein Werkzeugkasten mit klarer Funktion. Ein SONOR SQ2 Acryl-Drumset, dazu Keys in Reichweite.

Bei Becken, Fellen und Sticks kursieren zwar einzelne Angaben und Vermutungen, aber öffentlich belastbare aktuelle Specs sind schwerer zu finden. Deshalb sollte man hier vorsichtig bleiben. Gesichert ist vor allem die SONOR-Partnerschaft und das frühere OCDP-Kit.

Warum er unter dem Radar geblieben ist

Dredg waren keine Mainstream-Band, dafür waren sie zu eigen, zu konzeptionell und zu schwer greifbar. Ich selbst habe die Band 2009 zufällig bei Rock am Ring gesehen und war sofort begeistert, obwohl ich überhaupt kein Prog-Fan bin. Sie waren nicht so demonstrativ verkopft, dass sie automatisch in der Prog-Versenkung gelandet wären. Dazwischen steht auch Campanella. Er ist spielt technisch stark, aber jederzeit songdienlich.

Dredg heute

Nach Chuckles and Mr. Squeezy wurde es lange ruhig um die Band. Seit 2018 gibt es wieder Aktivitäten und seit einigen Jahren immer wieder Hinweise auf neues Material. VISIONS berichtete 2024, dass Dredg weiter an einem Nachfolger arbeiten und dafür sogar einen neuen Proberaum in der Southern Bay Area gesucht haben. Campanella beschrieb das neue Material in einem früheren Kontext als reifere Inkarnation von Dredg. Ein neues Album ist zum jetzigen Stand aber noch nicht erschienen.

Für Fans ist diese Wartezeit fast schon Teil des Fantums geworden. Trotzdem bleibt die Hoffnung spannend, weil Campanellas Rolle in einer heutigen Dredg-Produktion interessant wäre. Seine Mischung aus akustischem Druck, Keyboard-Denken und unaufgeregtem Multitasking passt eigentlich perfekt in eine Zeit, in der viele Drummer ohnehin zwischen akustischem Set, Samples und elektronischen Elementen arbeiten.

Foto: ©️SONOR

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