Was ist eigentlich? – Die Locke

Locke Marching

Wer aus dem Drumset-Bereich kommt, denkt bei Rudiments meistens an Paradiddle, Double Stroke Roll, oder Flam. Diese Figuren kennt man aus Stick Control, aus Snare-Übungen, aus Marching-Ansätzen oder als Grundlage für Fills am Drumset. In der deutschen Trommeltradition gibt es aber noch eine Figur, die viele Drummer dem Namen nach kennen, aber nur selten wirklich einordnen können: Die Locke.

Gemeint ist damit der deutsche Lockmarsch, häufig einfach nur Locke genannt. In der Marschmusik dient er als Übergang. Er verbindet ursprünglich den Feldschritt mit dem nächsten Musikstück und sorgt dafür, dass das gemeinsame Tempo erhalten bleibt. Der Begriff kommt vom Locken, also dem Hineinführen in das nächste Stück. Gespielt wird die Locke traditionell auf kleiner Trommel, also Snare. Je nach Land, Kapelle und Tradition gibt es unterschiedliche Ausführungen, darunter die deutsche und die österreichische Locke.

Das ist zunächst ein sehr spezielles Thema für Spielmannszüge, Blaskapellen und militärische Zeremonien. Die Locke zeigt sehr gut, wo viele unserer heutigen Snare-Techniken herkommen, nämlich aus einer Tradition, in der Trommeln nicht nur zur Begleitung dienten, sondern klare Signale, Übergänge und Bewegungsabläufe steuerten.

Ein Marschfragment

Die Locke ist kein Groove im modernen Sinn und auch kein Fill, wie man es am Drumset zwischen zwei Songteilen spielt. Sie ist ein funktionales Trommelstück. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, eine musikalische Situation zu organisieren. Ein Stück endet, das nächste beginnt, der Schritt bleibt erhalten und die Musiker werden rhythmisch in den nächsten Ablauf geführt.

Diese Funktion macht die Locke interessant. Sie ist ein Stück angewandte Trommelgeschichte. Heute spielen viele Drummer Rudiments als Technikmaterial, ohne den ursprünglichen Zusammenhang zu kennen. Bei der Locke wird dieser Zusammenhang direkt hörbar.

Ein Blick in die Geschichte

Die europäische Trommeltradition ist eng mit militärischen Signalen verbunden. StartDrumming ordnet die Entstehung vieler Rudiments in die Truppensteuerung des 16. und 17. Jahrhunderts ein und verweist dabei auf Schweizer Söldnerheere, die musikalische Signale systematisch verwendeten. Über den Dreißigjährigen Krieg verbreiteten sich solche Techniken in Europa.

In Deutschland entwickelte sich die Trommeltradition später stärker in eine zeremonielle Richtung. Das hat damit zu tun, dass militärische Kommunikation im Laufe der Zeit durch andere technische Mittel ersetzt wurde. Trommeln und Pfeifen verloren ihre Bedeutung als Steuerungsmittel im Feld, blieben aber bei Paraden, Spielmannszügen, Schützenvereinen, Feuerwehren und Zeremonien präsent. Auch beim Großen Zapfenstreich, dem höchsten und feierlichsten Zeremoniell der Bundeswehr, spielt die militärmusikalische Tradition bis heute eine wichtige Rolle.
Das erklärt, warum die Locke für viele Drumset-Spieler etwas fremd wirkt. Sie kommt nicht aus der Popmusik, nicht aus dem Jazz und nicht aus dem Rock. Sie stammt aus einer Welt, in der Trommeln Orientierung geben mussten. Trotzdem sind die technischen Bausteine sofort vertraut, sobald man sich mit Rudiments beschäftigt.

Marschkapelle

Wie ist die Locke aufgebaut?

Die deutsche Locke steht im 6/8-Takt. Das ist ein wichtiger Punkt, weil dadurch sofort ein triolisches Grundgefühl entsteht. Anders als ein gerader 4/4-Groove schiebt die Locke nicht über klassische Achtel auf HiHat oder Ride, sondern lebt von einer rollenden, marschartigen Bewegung.

In der von StartDrumming beschriebenen Version beginnt die Locke mit einem Achtel-Auftakt. Dieser wird dort mit einem 5 Stroke Roll umgesetzt, der auf der ersten Zählzeit auflöst. Danach folgen kurze 16tel-Figuren und punktierte Wirbel, unter anderem mit einem 9 Stroke Roll. Später kommen Flams hinzu, die das triolische Gefühl noch deutlicher machen.

Die Locke ist keine reine Roll-Übung, sondern eine Kombination aus Kontrolle, Timing und Phrasierung. Die Wirbel müssen sauber schließen, die Flams dürfen nicht schmieren und der Puls muss durchgehend stabil bleiben. Besonders im 6/8-Kontext merkt man schnell, ob die Hände wirklich gleichmäßig arbeiten oder ob der Wirbel nur ungefähr passt.

Die Technik

Technisch ist die Locke spannend, weil sie mehrere klassische Snare-Bausteine in einen musikalischen Ablauf bringt. Ein 5 Stroke Roll klingt auf dem Pad wie eine einfache Rudiment-Übung. In der Locke wird daraus aber ein Auftakt.

Ähnlich ist es bei den 9 Stroke Rolls. Hier geht es nicht nur um doppelte Schläge, sondern um Länge, Spannung und saubere Auflösung. Wer den Wirbel zu hektisch spielt, verliert den marschartigen Charakter.

Die Flams bringen zusätzlich eine Schwierigkeit mit. Sie müssen breit genug sein, um als Flam erkennbar zu bleiben, dürfen aber nicht auseinanderfallen.

Training und moderner Kontext

Natürlich muss nicht jeder Rock-, Pop- oder Metaldrummer die deutsche Locke auswendig spielen können. Für den normalen Bandalltag ist sie kein Pflichtprogramm. Trotzdem lohnt sich die Beschäftigung damit aus mehreren Gründen.

Erstens trainiert die Locke ein sauberes 6/8-Gefühl. Viele Drummer fühlen sich in geraden Achteln deutlich wohler als in triolischen Bewegungen. Die Locke zwingt dazu, den Puls anders zu empfinden und die Hände in eine rollende Bewegung zu bringen.

Zweitens verbindet sie Technik mit musikalischer Form. Rudiments werden nicht nur nacheinander abgespult, sondern in einen Ablauf gebracht. Genau das ist auch für Drumset-Fills wichtig

Drittens schärft die Locke das Bewusstsein für Trommeltradition. Viele Dinge, die heute am Drumset selbstverständlich sind, haben ihre Wurzeln in älteren Spielweisen. Wer diese Herkunft kennt, spielt Rudiments oft bewusster und musikalischer.

Die Locke am Drumset

Man kann die Locke auf der Snare lassen und als traditionelles Snare-Stück üben. Spannend wird es auch, wenn man einzelne Bausteine ans Drumset überträgt. Ein 5 Stroke Roll als Auftakt in ein 6/8-Fill funktioniert hervorragend. Auch Flam-Akzente lassen sich gut auf Snare, Toms und Bassdrum verteilen.

Wichtig ist dabei, die Locke nicht eins zu eins in einen Rocksong zu zwingen. Interessanter ist es, den Charakter zu verstehen. Kurzer Auftakt, rollende Bewegung, klare Auflösung, markante Flams. Daraus lassen sich musikalische Fill-Ideen entwickeln, besonders in 6/8-Balladen, Shuffles, Folk-Rock, Marchinginspirierten Parts oder dramatischen Songübergängen.

Wer zum Beispiel einen 6/8-Groove spielt, kann versuchen, einen kurzen Roll-Auftakt auf der Snare beginnen, über die Toms weiterführen und mit einem Flam auf der Eins landen. Das klingt traditionell gefärbt, ohne altmodisch zu wirken.

Häufige Fehler beim Üben

Der erste Fehler ist meistens zu viel Tempo. Die Locke lebt nicht davon, dass man sie möglichst schnell herunterspielt. Entscheidend ist, dass die Wirbel gleichmäßig sind und die Auflösungen wirklich sitzen. Gerade bei punktierten Wirbeln und Flams darf das Timing nicht verschwimmen.

So kann man die Locke üben

Sinnvoll ist es, die Locke zunächst sehr langsam zu spielen und den 6/8-Puls laut mitzuzählen. Danach kann man die einzelnen Bausteine isolieren: 5 Stroke Roll, 9 Stroke Roll, Flam-Figuren und die Übergänge zwischen den Phrasen. Erst wenn diese Elemente sauber funktionieren, sollte man den kompletten Ablauf zusammensetzen.

Ein Metronom ist dabei hilfreich, allerdings sollte es nicht jede Unterteilung vorgeben. Besser ist es, den großen Puls zu hören und die innere Unterteilung selbst zu kontrollieren. So entsteht nicht nur technische Sicherheit, sondern auch ein besseres Gefühl für die Phrasierung.

Wer die Figur aufs Drumset übertragen möchte, sollte zunächst nur kleine Ausschnitte verwenden. Ein Roll-Auftakt in einen Flam reicht oft schon. Danach kann man die Toms einbeziehen oder die Bassdrum als Zielpunkt nutzen.

Fazit

Die Locke ist ein Stück deutsche Trommeltradition, das für moderne Drummer zunächst etwas fremd wirkt. Sie stammt aus der Marschmusik, dient als Übergang zum nächsten Stück und hält dabei den gemeinsamen Puls zusammen. Technisch arbeitet sie mit klassischen Rudiments wie 5 Stroke Rolls, 9 Stroke Rolls und Flams, eingebettet in ein 6/8-Gefühl.

 

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