Der am 15. Dezember 1946 geborene New Yorker Carmine Appice feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag und blickt auf eine Karriere zurück, die wie kaum eine andere die Entwicklung des Rock– und Hardrock-Drummings beeinflusst hat. Mit seinem kraftvollen Spiel, seinem Gespür für Groove und seinem Einfluss auf die größten Rockdrummer aller Zeiten hat sich Appice einen festen Platz in der Musikgeschichte gesichert. Von Psychedelic Rock über Blues-Rock bis hin zu Hard Rock und Heavy Metal.
Von Buddy Rich zu Vanilla Fudge
Geboren am 15. Dezember 1946 auf Staten Island, erhielt Carmine Appice zunächst eine klassische Musikausbildung. Früh begeisterten ihn die Jazz-Legenden Buddy Rich und Gene Krupa, deren technische Brillanz und Bühnenpräsenz ihn nachhaltig beeinflussten.
Seinen Durchbruch feierte Appice Ende der 1960er-Jahre mit Vanilla Fudge, einer der wichtigsten Psychedelic-Rock-Bands ihrer Zeit. Dort fiel er nicht nur durch sein druckvolles Drumming auf, sondern steuerte gemeinsam mit Bassist Tim Bogert auch markante Background-Vocals bei. Nach fünf Alben verließen beide Musiker die Band, um neue musikalische Wege einzuschlagen.
Cactus und Beck, Bogert & Appice: Mehr Power geht kaum
Gemeinsam mit Sänger Rusty Day und Gitarrist Jim McCarty gründeten Appice und Bogert die Blues-Rock-Formation Cactus, deren kompromissloser Sound heute als wichtiger Vorläufer des Hard Rock gilt.
Der nächste Karriereschritt führte ihn zu Gitarrenlegende Jeff Beck. Im Power-Trio Beck, Bogert & Appice entstand Anfang der 1970er-Jahre eine explosive Mischung aus Virtuosität und Energie. Gerade für Drummer bleibt diese Phase besonders interessant, weil Appice hier seine charakteristische Spielweise perfektionierte: harte Bassdrum-Akzente, große Tom-Fills und ein Groove, der selbst komplexe Arrangements stets erdig wirken ließ.
Der Mann hinter Rod Stewarts größten Hits
1976 wechselte Carmine Appice in die Band von Rod Stewart – ein Schritt, der seine Karriere auf ein neues Level hob. Dort war er nicht nur Schlagzeuger, sondern auch Songwriter. Gemeinsam mit Stewart arbeitete er unter anderem an den Welthits „Da Ya Think I’m Sexy?“ und „Young Turks“.
Dass ein Drummer maßgeblich an einigen der erfolgreichsten Rocksongs der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre beteiligt war, zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig Appice schon damals agierte.
Einfluss auf eine ganze Generation von Rockdrummern
Der Name Carmine Appice taucht immer wieder auf, wenn bekannte Schlagzeuger über ihre Vorbilder sprechen. Zu den Musikern, die seinen Einfluss offen anerkennen, zählen unter anderem:
- John Bonham (Led Zeppelin)
- Roger Taylor (Queen)
- Tommy Lee (Mötley Crüe)
- Ian Paice (Deep Purple)
- Eric Singer (Kiss)
Besonders bemerkenswert: Appice gilt als wichtiger Einfluss für John Bonhams berühmte Bassdrum-Triolen und dessen Vorliebe für überdimensionierte Drumsets. Viele Elemente, die heute als typische Hardrock-Drumming-Klischees gelten, wurden von Appice bereits Jahre zuvor etabliert.
Sein Markenzeichen waren große Double-Bass-Setups und ein druckvoller Sound, den er bevorzugt auf Ludwig-Schlagzeugen umsetzte.
King Kobra, Blue Murder und die Hardrock-Ära
Nach Soloaktivitäten und Tourneen gründete Appice in den 1980er-Jahren die Band King Kobra, die schnell zu einer festen Größe der amerikanischen Hardrock-Szene wurde. Gleichzeitig arbeitete er mit einer beeindruckenden Liste von Künstlern zusammen.
Zu seinen musikalischen Partnern gehörten unter anderem:
- Ozzy Osbourne
- Jimmy Page
- Ted Nugent
- Def Leppard
- Kid Rock
- Pink Floyd
- Stanley Clarke
- Michael Schenker
- Blue Murder
- Ric Grech
- Edgar Winter
Selbst ein kurzer Ausflug in Ozzy Osbournes Band während der Bark at the Moon-Tour unterstreicht, welchen Stellenwert Appice in der Rockwelt genoss.
Lehrer, Autor und Mentor
Neben seiner Karriere auf der Bühne hat Carmine Appice die Schlagzeugwelt auch pädagogisch geprägt. Sein Lehrwerk „The Realistic Rock Drum Method“, erstmals 1972 veröffentlicht, zählt bis heute zu den einflussreichsten Drum-Büchern überhaupt.
Das Werk behandelt unter anderem:
- Rock-Grooves
- Polyrhythmen
- Lineare Rudiments
- Shuffle-Techniken
- Hi-Hat-Konzepte
- Double-Bass-Übungen
Später erschien eine erweiterte Fassung unter dem Titel „The Ultimate Realistic Rock Drum Method“.
Auch als Autor blieb Appice aktiv. Mit „A Thunder of Drums“ widmete er sich dem Leben von John Bonham. Seine 2016 erschienene Autobiografie „Stick It! – My Life of Sex, Drums & Rock ’n’ Roll“ liefert spannende Einblicke in über fünf Jahrzehnte Rockgeschichte.
Guitar Zeus, Drum Wars und neue Projekte
Stillstand war nie Appices Sache. Seit den 1990er-Jahren veröffentlichte er die Albumreihe Guitar Zeus, für die er zahlreiche Gitarrenstars wie Brian May, Richie Sambora, Jennifer Batten, Ted Nugent oder Yngwie Malmsteen versammelte.Auch Projekte wie CB&A (Char, Bogert & Appice), DBA (Derringer, Bogert & Appice) oder die spektakulären Drum Wars-Shows mit seinem Bruder Vinny Appice zeigten, dass seine Leidenschaft für das Instrument bis heute ungebrochen ist.
Mit der Percussion-Formation SLAMM bewies er zudem, dass moderne Drum-Ensembles weit über klassische Schlagzeug-Solos hinausgehen können. Das Konzept wurde einmal treffend als „Stomp auf Steroiden“ beschrieben.
Ehrungen und Vermächtnis
Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang. Bereits 1991 verewigte Carmine Appice seine Handabdrücke im Hollywood Rock Walk – direkt neben seinen Idolen Buddy Rich und Gene Krupa.
Weitere Meilensteine:
- Classic Drummer Hall of Fame (2013)
- Modern Drummer Hall of Fame (2014)
- Platz 28 der „100 Greatest Drummers of All Time“ des Rolling Stone (2016)
Diese Ehrungen spiegeln wider, was viele Drummer längst wissen: Ohne Carmine Appice würde Rockdrumming heute anders klingen.
Fazit
Carmine Appice ist weit mehr als der ehemalige Schlagzeuger von Vanilla Fudge oder Rod Stewart. Er gehört zu jener seltenen Gruppe von Musikern, die das Instrument nachhaltig verändert haben. Sein kraftvolles Spiel, seine Innovationsfreude und sein Einfluss auf Generationen von Rock- und Metal-Drummern machen ihn zu einer Schlüsselfigur der modernen Schlagzeuggeschichte.
Foto von TParadise – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
