Fünf Alben mit schlechtem Drumsound

Drumsound

Gute Songs. Gute Bands. Teils sogar Millionenbudgets. Und trotzdem: Die Drums klingen, als hätte man das Schlagzeug in eine Keksdose gepackt und die dann versehentlich durch die Mastering-Kette gejagt. Wie kann das passieren, wenn Profis mit High-End-Equipment am Werk sind? Genau darum geht’s hier. Diese Liste ist keine Lästerrunde, wir schauen uns lediglich an, warum fünf respektable Alben es geschafft haben, ihren Drumsound gegen die Wand zu fahren. Meistens steckt keine Unfähigkeit dahinter, sondern eine bewusste Entscheidung, die im Nachhinein… suboptimal wirkt.

Kurzer Exkurs: Was macht Drumsound schlecht?

Bevor wir loslegen, ein kurzer Realitätscheck, denn Sound ist auch Geschmackssache. Es gibt aber ein paar technisch klar benennbare Sünden, die uns hier immer wieder begegnen werden:

  • Loudness War: Alles wird auf maximale Lautheit komprimiert, bis Transienten und Dynamik komplett flachgebügelt sind.
  • Übertriggerte Drums: Sample-Trigger sorgen für sterile, immer identisch klingende Schläge
  • Falsches Tuning oder Fell-Entscheidungen: Ein Snare-Sound kann handwerklich richtig aufgenommen und trotzdem eine Fehlentscheidung sein.
  • Mix-Balance: Drums, die im Song untergehen oder unnatürlich dominieren.

Mit dieser Checkliste im Hinterkopf geht’s jetzt in den Countdown; vom bemerkenswerten Ausrutscher bis zum Sound, der als Paradebeispiel in jede Tontechnik-Vorlesung gehört.

Platz 5: Guns N‘ Roses – Chinese Democracy (2008)

Über ein Jahrzehnt Produktionszeit, geschätzte 13 Millionen Dollar Budget, mehrere Drummer im Verlauf des Prozesses – und am Ende klingt das Schlagzeug seltsam leblos. Die Beats wirken zu perfekt aufs Raster gequantisiert, die Anschlagsdynamik wurde wegproduziert, und viele Fills klingen editiert statt gespielt.

Wie kam’s dazu?

Chinese Democracy ist das Ergebnis von Axl Roses jahrelangem Perfektionsanspruch: unzählige Studiosessions, unzählige Revisionen, unzählige Produzenten und Musiker, die im Laufe der Jahre ein- und ausstiegen. Bei einem Prozess, der so lange läuft, wird irgendwann jedes Detail so oft überarbeitet, dass die organische Spontaneität auf der Strecke bleibt – und Drums leben nun mal von genau dieser Spontaneität.

Ein Album, das länger in Produktion war als mancher Drummer für seinen kompletten Rudiment-Katalog braucht, hätte auch klanglich ruhig ein bisschen mehr Leben vertragen können.

Platz 4: Rush – Vapor Trails (2002)

Neil Peart gilt zurecht als einer der technisch versiertesten Drummer der Rockgeschichte – und ausgerechnet auf Vapor Trails verschwindet seine Präzision fast komplett im Brei einer extrem überkomprimierten Abmischung. Dynamikunterschiede zwischen leisen und lauten Passagen? Kaum vorhanden. Cymbals, die eher verzerren als schimmern? Reichlich.

Wie kam’s dazu?

Das Album fiel mitten in die Hochphase des Loudness War, als „lauter ist besser“ als Verkaufsargument galt. Die Kompression sollte das Album auf dem Radio und im Vergleich zur Konkurrenz durchsetzungsfähiger machen – ging technisch aber massiv auf Kosten der Dynamik. So unzufrieden war man am Ende sogar selbst, dass 2013 ein kompletter Remix unter dem Titel Vapor Trails Remixed veröffentlicht wurde.

Wenn eine Band ihr eigenes Album Jahre später noch mal neu abmischen lässt, ist das ungefähr das Äquivalent zu einem öffentlichen „Ja, wir wissen es auch.“

Platz 3: Metallica – St. Anger (2003)

Der wohl berühmteste Fall dieser Liste. Die Snare klingt weniger nach Snare, mehr nach einer Mülltonne, die von der Treppe fällt – blechern, undefiniert, ohne jeden Ton. Dazu kommt: fast keine Crash-Cymbals im gesamten Album.

Wie kam’s dazu?

Das war tatsächlich eine bewusste künstlerische Entscheidung. Für den rauen, ungeschliffenen Sound wurden die Snares mit deaktiviertem Teppich aufgenommen bzw. so bearbeitet, dass der typische Snare-Crack komplett verschwand. Crash-Becken wurden laut Band bewusst weitgehend weggelassen, um dem Album eine kompromisslosere, unpolierte Wucht zu geben. Dokumentiert ist dieser Entstehungsprozess unter anderem in der Doku Some Kind of Monster, die die schwierige Bandsituation rund um das Album zeigt.

Man wollte roh und ehrlich klingen – und hat stattdessen ein Klanggewitter geschaffen, über das Drummer bis heute in Foren streiten, ob es genialer Mut oder einfach nur ein Betriebsunfall war. (Beide Lager haben gute Argumente.)

Platz 2: Metallica – Death Magnetic (2008)

Ja, Metallica schafft es zweimal auf diese Liste – Respekt an dieser Stelle. Wo St. Anger an handwerklichen Entscheidungen krankte, ist Death Magnetic das Paradebeispiel für reinrassige Mastering-Sünden: massives Clipping, hörbare digitale Verzerrung, Drums, die im komprimierten Brei praktisch keine Transienten mehr haben.

Wie kam’s dazu?

Auch hier: Loudness War in Reinform. Das Album wurde so heiß gemastert, dass Peaks regelrecht abgeschnitten wurden – hörbar als Knistern und Verzerrung, besonders in den Drum- und Gitarrenspuren. Pikant: Eine parallel für das Videospiel Guitar Hero erstellte Mixversion mit deutlich mehr Dynamik zeigte, wie viel besser das Album hätte klingen können, wäre es nicht auf maximale Lautheit getrimmt worden. Der direkte Vergleich sorgte damals für einen der größten Loudness-War-Skandale der 2000er.

Wenn die Videospiel-Version eines Albums besser klingt als die reguläre CD, sollte im Mastering-Studio eigentlich eine Alarmglocke läuten.

Platz 1: Red Hot Chili Peppers – Californication (1999)

Der inoffizielle Goldstandard des Loudness War und bis heute eines der meistzitierten Negativbeispiele in Diskussionen über Mastering-Qualität. Die Kompression ist so extrem, dass Chad Smiths eigentlich druckvolles und dynamisches Spiel komplett verwaschen wirkt – Kick und Snare verschmelzen zu einem undifferenzierten Klumpen, an lauten Stellen ist hörbares digitales Clipping und Verzerrung wahrnehmbar.

Wie kam’s dazu?

Californication erschien mitten im Wettrüsten um maximale Lautheit auf CD, als Labels und Mastering-Engineers glaubten, lautere Alben würden sich im Radio und beim A/B-Vergleich im Plattenladen automatisch besser durchsetzen. Das Album wird bis heute regelmäßig als Referenzbeispiel in Dynamic-Range-Datenbanken und Loudness-War-Dokumentationen herangezogen – nicht wegen der Songs, die durchweg gefeiert werden, sondern explizit wegen der technischen Abmischung.

Ein Album, das es als Negativbeispiel bis in Tontechnik-Seminare geschafft hat, obwohl die Songs selbst absolute Klassiker sind – das ist schon eine besondere Art von zweifelhaftem Ruhm.

Der rote Faden

Auffällig: Drei der fünf Fälle haben denselben Übeltäter – den Loudness War. Die Jagd nach maximaler Lautheit auf Kosten der Dynamik hat in den 2000ern reihenweise gute Drumperformances klanglich zunichtegemacht, unabhängig davon, wie gut am Schlagzeug tatsächlich gespielt wurde. St. Anger und Chinese Democracy zeigen dagegen die zweite große Falle: bewusste Produktionsentscheidungen bzw. übermäßiger Perfektionismus, die im Studio überzeugend wirkten, am Ende aber am Hörer vorbeigingen.

Ehrenvolle Erwähnungen

Knapp nicht geschafft haben es unter anderem:

  • Def Leppard – Hysteria (1987): Extrem gesampelte, elektronisch nachbearbeitete Drums – Geschmackssache, aber definitiv ein Kind ihrer Zeit.
  • Zahlreiche Nu-Metal-Alben der frühen 2000er: Wo „getriggert“ praktisch zum eigenen Subgenre wurde.

Was Drummer und Producer daraus lernen können

Die gute Nachricht: Jeder dieser Fälle ist auch eine kostenlose Lehrstunde.

  • Tuning vor Trigger: Ein sauber gestimmtes, gut positioniertes Mikrofon schlägt fast immer nachträgliche Korrektur per Sample.
  • Dynamik vor Lautheit: Ein Album, das leiser gemastert ist, aber atmen kann, hält sich langfristig besser als eines, das beim ersten Hören laut, aber nach drei Songs ermüdend wirkt.
  • Referenzalben gegenhören: Regelmäßig mit unkomprimierten, dynamisch gemasterten Alben vergleichen schützt vor dem eigenen „Loudness-Tunnelblick“ im Studio.

Fazit

Vielleicht ist der nächste Kandidat für diese Liste schon in einem Proberaum in eurer Nachbarschaft unterwegs – die Kompressor-Regler sind schließlich nie weit weg. Welches Album fehlt euch in dieser Aufzählung? Schreibt’s uns ind die Kommentare, wir sammeln für Teil zwei.

 

 

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