Irgendwann kennt wahrscheinlich jeder Drummer diesen Punkt: Man setzt sich ans Set und die Hände finden fast automatisch dieselben Wege. Die eigenen Grooves, Fills und Lieblingsphrasierungen sind längst Teil der persönlichen Handschrift geworden – und das ist grundsätzlich etwas Gutes. Schließlich entsteht ein eigener Stil genau dadurch, dass bestimmte musikalische Ideen immer wieder auftauchen und irgendwann selbstverständlich werden.
Problematisch wird es erst, wenn aus Handschrift Routine wird. Dann lohnt es sich, bewusst Musik zu hören, die einen aus den gewohnten Bewegungsmustern herauszieht. Dafür braucht es nicht zwingend Prog-Metal in 17/16 oder ein zehnminütiges Fusion-Inferno. Manchmal steckt die spannendste Idee in einem vermeintlich normalen Rocksong: ein verschobener HiHat-Akzent, ein ungewöhnlich orchestrierter Beat oder eine einzige Pause an genau der richtigen Stelle.
Die folgenden fünf Songs haben mir persönlich genau solche Momente geliefert. Sie sind keine Bestenliste und auch keine Sammlung der technisch anspruchsvollsten Drum-Parts aller Zeiten. Es sind fünf Stücke, bei denen das Schlagzeug etwas Besonderes mit dem Song macht – und bei denen sich mindestens eine Idee findet, die man anschließend mit ans eigene Set nehmen kann. Also: Raus aus der Routine!
Kurzinfo auf einen Blick
Fünf Songs, fünf komplett unterschiedliche Lektionen fürs eigene Drumming: Bei den Arctic Monkeys geht es um Energie und Kontrolle, bei blink-182 um kreative Songgestaltung und bei Angine de Poitrine um rhythmische Orientierung außerhalb gewohnter Strukturen. Thirty Seconds to Mars zeigen, wie bereits eine kleine Verschiebung im Beat einen ganzen Songteil verändern kann, während die Beatsteaks demonstrieren, wie viel Drive in einem konsequent gespielten Groove steckt. Keiner dieser Tracks ist als technische Leistungsschau gedacht – gerade deshalb lohnt das genaue Hinhören. Entscheidend sind kleine Details bei Phrasierung, Sound, Dynamik und Zusammenspiel. Wer nur eine Idee aus jedem Song herauszieht und auf das eigene Spiel überträgt, hat bereits fünf neue Werkzeuge im Repertoire.
Arctic Monkeys – „Brianstorm“: Energie braucht Kontrolle
Wenn man über Matt Helders spricht, fällt ziemlich schnell das Wort Energie. Der Arctic-Monkeys-Drummer gehört aber gerade deshalb zu den interessantesten Rockdrummern seiner Generation, weil hinter dieser Energie eine enorme Präzision steckt. Helders ist außerdem als Mitkomponist von „Brianstorm“ geführt – sein Drum-Part ist also keineswegs nur Begleitung, sondern tief in die Konstruktion des Songs eingebunden.
„Brianstorm“ ist dafür eines der besten Beispiele. Schon der Einstieg macht klar, dass die Toms hier keine Fill-Instrumente sind, die gelegentlich zwischen Snare und HiHat auftauchen. Sie sind ein elementarer Bestandteil des eigentlichen Beats.
Dazu kommen schnelle 16tel, triolisch wirkende Akzente, kurze Pausen und immer wieder kleine Verschiebungen, die verhindern, dass der Song trotz des hohen Tempos eindimensional wird. Helders spielt nicht einfach schnell durch – er strukturiert die permanente Energie. Wer den Song selbst einmal komplett spielt, merkt sehr schnell, dass Ausdauer nur ein Teil der Aufgabe ist. Die Herausforderung besteht darin, auch nach zwei Minuten noch dieselbe Kontrolle über Lautstärke, Akzente und Bewegungen zu haben. Wird aus Lockerheit irgendwann Kraft, verliert der Beat ziemlich schnell genau den Drive, der ihn so spannend macht.
Besonders interessant finde ich dabei, wie stark Drums und Gitarren miteinander verzahnt sind. Helders begleitet nicht einfach ein Riff, sondern kommentiert und verstärkt es. Kleine Unterbrechungen sorgen dafür, dass die nächste Figur noch stärker nach vorne schiebt.
Was kann man mitnehmen?
Einen Abschnitt zunächst deutlich langsamer spielen und darauf achten, dass sich die Bewegungsabläufe beim Hochsetzen des Tempos nicht verändern. Geschwindigkeit sollte hier aus Effizienz entstehen – nicht aus mehr Kraft. „Brianstorm“ ist deshalb eine hervorragende Übung dafür, trotz maximaler Energie locker zu bleiben.
blink-182 – „Adam’s Song“: Wenn Becken plötzlich Teil des Beats werden
Travis Barker hat das moderne Punk- und Pop-Punk-Drumming nachhaltig geprägt. Sein Spiel verbindet Punk-Energie mit Rudiments, Marching-Einflüssen und einer ungewöhnlich orchestralen Herangehensweise ans Drumset. Auf „Adam’s Song“ sitzt Barker am Schlagzeug – und gerade hier zeigt sich eine Seite seines Spiels, die bei all den spektakulären Fills manchmal etwas untergeht.
Denn der eigentliche Star ist für mich bei diesem Song die Strophe.
Der Beat wirkt zunächst nicht besonders kompliziert, ist aber ungewöhnlich gedacht. Barker behandelt einzelne Beckenschläge nicht einfach als zusätzliche Klangfarbe über einem normalen Groove. Er gibt ihnen stellenweise fast den gleichen Stellenwert wie einer Trommel und integriert sie ohne obligatorische Bassdrum-Begleitung in die rhythmische Figur.
Dadurch entsteht ein Beat, der ständig in Bewegung bleibt, obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert.
Spannend ist außerdem, dass die komplette Strophenfigur über mehrere Takte gedacht ist. Statt eines klassischen Ein- oder Zwei-Takt-Grooves entsteht eine längere Phrase, die sich erst nach vier Takten wieder vollständig schließt. Das klingt beim Hören selbstverständlich, verlangt beim Spielen aber deutlich mehr Konzentration, weil man nicht nach jedem Takt wieder bei Null anfängt.
Genau darin liegt für mich eine wichtige Lektion: Ein Beat muss nicht zwangsläufig innerhalb eines Taktes alles erzählen.
Man kann einen Groove über mehrere Takte entwickeln, einzelne Klangfarben nur punktuell einsetzen und dadurch Spannung erzeugen, ohne permanent Fills zu spielen.
Was kann man mitnehmen?
Einmal einen eigenen Vier-Takt-Groove bauen, bei dem sich jeder Takt nur minimal verändert. Danach ein Crash, Splash oder eine geöffnete HiHat bewusst wie eine zusätzliche Trommel behandeln – also nicht einfach automatisch mit der Bassdrum doppeln. Das öffnet erstaunlich schnell neue Möglichkeiten.
Angine de Poitrine – „Fabienk“: Erst fühlen, dann zählen
Jetzt wird es etwas schräger.
Angine de Poitrine sind ein kanadisches Duo aus Khn de Poitrine an Gitarre beziehungsweise Bass und Klek de Poitrine am Schlagzeug. Klek ist nicht nur Drummer, sondern wird bei „Fabienk“ gemeinsam mit Khn auch als Komponist geführt. Und bei diesem Song lohnt es sich, gewohnte Hörmechanismen erst einmal komplett auszuschalten.
„Fabienk“ arbeitet mit ungewöhnlichen Phrasenlängen, Akzentverschiebungen und einem Zusammenspiel zwischen Gitarre und Schlagzeug, das stellenweise fast wie ein einziges rhythmisches Instrument wirkt. Der eigentliche Beat kann dabei zunächst erstaunlich simpel erscheinen. Entscheidend ist aber, wo die Schläge sitzen und wie Klek sie phrasiert.
Bei vielen Rocknummern weiß man nach wenigen Takten intuitiv, wann die nächste Eins kommt. Hier funktioniert diese Orientierung nicht immer sofort. Man sucht nach dem Anfang der Phrase, glaubt ihn gefunden zu haben – und plötzlich verschiebt sich die Wahrnehmung erneut.
Mein Tipp: Nicht sofort anfangen zu zählen.
Viel hilfreicher ist es zunächst, wiederkehrende Figuren zu erkennen. Wo liegen gemeinsame Akzente von Gitarre und Schlagzeug? Welches Motiv taucht erneut auf? Wann fühlt sich eine Phrase abgeschlossen an?Erst wenn das musikalisch im Ohr sitzt, lohnt es sich, die Mathematik dahinter zu entschlüsseln. Das ist übrigens eine extrem wertvolle Methode für komplexe Musik generell. Ein Rhythmus, den man nur zählen kann, ist noch nicht unbedingt ein Rhythmus, den man wirklich fühlt.
Was kann man mitnehmen?
Eine markante Figur zunächst sprechen oder klatschen. Erst wenn sie ohne Nachdenken funktioniert, kommt das Drumset dazu. Diese kleine Zwischenstufe verhindert, dass Hände und Füße etwas spielen, das der Kopf eigentlich noch gar nicht verstanden hat.
Thirty Seconds to Mars – „From Yesterday“: Ein kleiner Trick, große Wirkung
Shannon Leto ist gemeinsam mit seinem Bruder Jared eines der Gründungsmitglieder von Thirty Seconds to Mars und seit Beginn für das Schlagzeug der Band verantwortlich. Sein Stil ist weniger auf technische Selbstdarstellung ausgelegt als auf große, klar lesbare Parts, die stark mit der Dramaturgie der Songs arbeiten. Auch bei „From Yesterday“ ist Shannon Leto als Drummer gelistet.
Und wieder ist für mich vor allem die Strophe interessant.
Die Grundidee ist eigentlich erstaunlich simpel: Leto spielt auf der HiHat einen Offbeat, dessen rhythmischer Bezug sich im weiteren Verlauf verändert. Dadurch verschiebt sich plötzlich auch die Wahrnehmung der Bassdrum. Das Ergebnis ist ein Beat, der sich anfühlt, als würde er permanent nach vorne ziehen. Das Faszinierende daran ist, dass dafür kein kompliziertes Fill und keine technisch spektakuläre Figur nötig ist. Es reicht, eine gewohnte Beziehung zwischen HiHat und Bassdrum zu verändern. Solche Ideen sind für mich oft wertvoller als die nächste spektakuläre Lick-Sammlung, weil sie direkt im Songwriting funktionieren. Ein einziger verschobener Akzent kann einen normalen Rockbeat komplett verwandeln. Genau darauf lohnt es sich bei „From Yesterday“ zu achten. Nicht auf die Anzahl der Noten, sondern darauf, wie ihre Position die Wahrnehmung des Pulses verändert.
Was kann man mitnehmen?
Einen simplen Achtel-Rockgroove spielen und die HiHat anschließend bewusst auf die Offbeats verschieben. Danach einzelne Bassdrumschläge ebenfalls gegen den erwarteten Puls setzen. Schon wenige Veränderungen reichen, um aus einem vertrauten Beat etwas völlig anderes zu machen.
Beatsteaks – „Gentleman of the Year“: Straight spielen ist eine Kunst
Thomas Götz sitzt seit den späten Neunzigern bei den Beatsteaks am Schlagzeug und gehört zu den Drummern, deren Spiel vor allem im Bandkontext seine Stärke zeigt. Bei „Gentleman of the Year“ ist er nicht nur als Drummer, sondern auch als einer der Komponisten gelistet. Der Beat wirkt zunächst fast unspektakulär: durchgehende 16tel auf der HiHat, klarer Backbeat, ein stabiles Fundament. Und dann kommen diese HiHat-Öffnungen. Sie sitzen so selbstverständlich im Groove, dass man beim beiläufigen Hören kaum darüber nachdenkt. Nimmt man sie heraus, fehlt dem Beat plötzlich ein entscheidender Teil seiner Persönlichkeit.
Genau hier zeigt sich, wie kreativ Straight-Ahead-Drumming sein kann. Die geöffneten HiHat-Akzente greifen das synkopische Riff auf und verbinden Schlagzeug und Gitarren miteinander. Der Beat wird dadurch nicht voller, sondern beweglicher. Gleichzeitig bleibt Götz absolut stabil und geradlinig. Das ist ein Punkt, der für moderne Banddrummer kaum wichtig genug sein kann: Straight zu spielen bedeutet nicht, langweilig zu spielen. Einen Groove so stabil zu halten, dass Bass und Gitarren darauf arbeiten können, und gleichzeitig mit kleinen Details Charakter hineinzubringen, ist eine eigene Disziplin. Manchmal ist ein perfekt gesetztes HiHat-Opening musikalisch wertvoller als ein sechzehntaktiges Fill.
Was kann man mitnehmen?
Einen einfachen 16tel-HiHat-Groove spielen und anschließend nur eine einzige Sache verändern. Eine HiHat öffnen. Einen Bassdrum-Schlag verschieben. Einen Snare-Akzent verändern. Danach wieder zum Ausgangsgroove zurückkehren.
So merkt man sehr schnell, wie wenig Material nötig ist, um einem Beat eine eigene Handschrift zu geben.
Fazit: Raus aus der Routine
„Brianstorm“, „Adam’s Song“, „Fabienk“, „From Yesterday“ und „Gentleman of the Year“ könnten musikalisch kaum unterschiedlicher sein. Genau deshalb funktionieren sie für mich so gut als kleine Horizonterweiterung.
Matt Helders zeigt, wie Kontrolle und Ausdauer maximale Energie möglich machen. Travis Barker denkt einen Beat über mehrere Takte und behandelt Becken als eigenständige rhythmische Stimmen. Klek de Poitrine zwingt dazu, komplexe Phrasen zunächst musikalisch statt mathematisch zu verstehen. Shannon Leto zeigt, was eine einzige Verschiebung im Groove auslösen kann, und Thomas Götz demonstriert, wie viel Persönlichkeit in einem straighten Beat stecken kann.
Man muss keinen dieser Songs Note für Note lernen.
Viel spannender ist es, sich ein einziges Detail herauszunehmen. Ein Tom-Pattern. Einen Beckenschlag. Eine ungewöhnliche Phrase. Einen Offbeat. Eine HiHat-Öffnung.
Dann setzt man sich ans eigene Set und schaut, was daraus wird.
Denn Horizonterweiterung bedeutet nicht, plötzlich wie ein anderer Drummer zu spielen. Im besten Fall nimmt man eine fremde Idee, verarbeitet sie – und am Ende klingt sie wieder nach einem selbst.
Welcher Song hat euren Blick aufs Schlagzeugspielen verändert?
