Zum Kinostart von Oasis: Don’t Look Back In Anger richtet sich der Blick auf das große Comeback der Gallagher-Brüder. Dabei lohnt sich auch die Erinnerung an Tony McCarroll. Der erste Oasis-Drummer spielte auf Definitely Maybe und prägte den ursprünglichen Sound der Band.
Am 10. September startet Oasis: Don’t Look Back In Anger in vielen deutschen Kinos. Die Dokumentation begleitet die Reunion-Tour von 2025 und zeigt Aufnahmen von den Proben, aus dem Backstage-Bereich und von den Konzerten. Außerdem enthält der Film die ersten gemeinsamen Interviews mit Liam und Noel Gallagher seit mehr als 20 Jahren.
Im Mittelpunkt steht damit die Rückkehr einer Band, deren Geschichte oft auf die beiden Gallagher-Brüder reduziert wird. Der frühe Sound von Oasis entstand jedoch durch eine Gruppe von Musikern, die musikalisch erstaunlich gut zusammenpassten. Einer von ihnen war Tony McCarroll.
Von The Rain zu Oasis
McCarroll gehörte bereits zur Vorgängerband The Rain. Gemeinsam mit Bassist Paul McGuigan und Gitarrist Paul Arthurs spielte er in Manchester, bevor Liam Gallagher als Sänger dazustieß. Aus The Rain wurde Oasis. Erst danach kam Noel Gallagher in die Band und übernahm zunehmend die musikalische Leitung.
Tony McCarroll war damit nicht einfach nur der erste Schlagzeuger, den Oasis für ihre ersten Aufnahmen engagierten. Er war Teil der Band, bevor Noel Gallagher überhaupt dazukam. Seine Geschichte ist eng mit den Anfängen von Oasis verbunden.
Als sich die Band Anfang der 1990er-Jahre durch kleine Clubs arbeitete, bestand ihr Sound aus verzerrten Gitarren, einfachen Akkordfolgen und einer Rhythmusgruppe, die kaum Platz für überflüssige Details ließ. McCarrolls Spiel passte genau in dieses Bild.
Der Beat von Definitely Maybe
Auf dem 1994 veröffentlichten Debütalbum Definitely Maybe ist Tony McCarroll durchgehend am Schlagzeug zu hören. Dazu gehören Songs wie Rock ’n’ Roll Star, Supersonic, Live Forever, Columbia und Cigarettes & Alcohol.
Sein Spiel war geradlinig und auf den Song ausgerichtet. Die Grooves bestanden häufig aus klaren Achtelnoten, einer kräftigen Snare und gezielt gesetzten Crash-Becken. Große technische Kabinettstücke waren nicht Teil seines Ansatzes. Stattdessen hielt McCarroll die Songs zusammen und ließ ausreichend Raum für Paul Arthurs’ breite Rhythmusgitarren.
Produzent Owen Morris beschrieb McCarrolls Stil später als sehr einfach, hob aber zugleich dessen Timing hervor. Gerade die reduzierten Patterns hätten gut mit dem Gitarrenspiel der Band funktioniert. Morris ging sogar so weit zu sagen, dass Oasis nach McCarrolls Ausstieg nie wieder genauso geklungen hätten. The Independent griff diese Einschätzung anlässlich der Reunion erneut auf.
Aus heutiger Sicht liegt genau darin die Stärke seiner Aufnahmen. Das Schlagzeug versucht nicht, die Songs durch Variationen interessanter zu machen. Es verstärkt die Wirkung der Gitarren und gibt Liam Gallaghers Gesang ein stabiles Fundament. Der Beat wirkt direkt, ungeschliffen und stellenweise fast trotzig. Damit wurde er zu einem wichtigen Teil des frühen Oasis-Sounds.
Der Erfolg kam, dann folgte die Trennung
Nach Definitely Maybe spielte McCarroll auch auf der Single Whatever. Seine letzte veröffentlichte Aufnahme mit Oasis war Some Might Say. Der Song erschien im April 1995 und wurde die erste Nummer-eins-Single der Band in Großbritannien.
Zu diesem Zeitpunkt war das Verhältnis zwischen McCarroll und Noel Gallagher bereits angespannt. Gallagher zweifelte öffentlich daran, dass der Drummer das musikalische Niveau der kommenden Songs bewältigen könne. McCarroll wiederum führte seinen Rauswurf später auch auf persönliche Konflikte innerhalb der Band zurück.
Noch 1995 musste er Oasis verlassen. Alan White übernahm seinen Platz und spielte den Großteil des zweiten Albums (What’s The Story) Morning Glory? ein. Mit White wurde das Schlagzeugspiel beweglicher und technisch differenzierter. Gleichzeitig verschwand ein Teil jener rohen Geradlinigkeit, die das Debüt geprägt hatte.
Vom Bandmitglied zum Außenseiter
Der Abschied entwickelte sich zu einem langjährigen Streit. McCarroll ging juristisch gegen seinen Ausschluss vor und forderte eine Beteiligung an den künftigen Einnahmen der Band. Im März 1999 endete das Verfahren mit einer außergerichtlichen Einigung. McCarroll erhielt 600.000 Pfund und verzichtete im Gegenzug auf spätere Ansprüche aus den Oasis-Einnahmen. The Independent berichtete damals über die Einigung.
Danach zog sich der Drummer weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. 2010 veröffentlichte er das Buch The Truth: My Life as Oasis’s Drummer, in dem er seine Version der Bandgeschichte schilderte. Als die Reunion für 2025 angekündigt wurde, zeigte er sich dennoch versöhnlich. Er freue sich für Liam, Noel und vor allem für die Fans, erklärte er in einem Interview.
Für die Live-25-Tour kehrte McCarroll nicht zurück. Am Schlagzeug saß Joey Waronker, der zuvor unter anderem mit Beck, R.E.M. und Thom Yorke gearbeitet hatte. Die neue Kinodokumentation konzentriert sich auf diese Tour und die Wiedervereinigung der Gallagher-Brüder. Disney beschreibt den Film als Porträt des Comebacks mit Konzert-, Proben- und Backstage-Aufnahmen.
Ein einfacher Beat mit großer Wirkung
Tony McCarroll war nicht der technisch vielseitigste Drummer in der Geschichte von Oasis. Doch das erklärt nicht, warum seine Aufnahmen bis heute funktionieren. Entscheidend ist, was er den Songs gegeben hat. Sein Spiel besitzt Druck, Wiedererkennungswert und eine Konsequenz, die perfekt zur frühen Band passte.
Wer den neuen Oasis-Film im Kino sieht, erlebt eine Band, die nach Jahren der Trennung wieder zusammengefunden hat. Vor dem Kinobesuch lohnt deshalb ein erneuter Blick zurück auf Definitely Maybe. Dort ist zu hören, wie Oasis klangen, bevor sie zu einer der größten Rockbands der 1990er-Jahre wurden. Im Zentrum dieses Sounds sitzt Tony McCarroll.
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