Von Terry Bozzios chromatischem Monsterkit bis zu Rick Allens maßgeschneidertem Hybrid-Setup: Diese fünf Drummer zeigen, dass ein Schlagzeug längst nicht beim klassischen Five-Piece-Kit aufhören muss.
Fünf Trommeln, Hi-Hat, Ride und ein, zwei Crashes – fertig. Das klassische Five-Piece-Kit bietet eigentlich alles, was ein Drummer zum Glücklichsein braucht. Und dann gibt es Drummer wie Terry Bozzio.
Wer zum ersten Mal vor dessen Arbeitsplatz steht, dürfte sich weniger fragen, wo die Snare steht, sondern eher, wo der Drummer hineinklettert. Dutzende Trommeln, Becken, Gongs, Pedale und Percussion-Instrumente umschließen Bozzio beinahe vollständig. Der Clou: Das alles ist nicht einfach nur groß. Es folgt einem musikalischen System.
Und genau darum geht es bei den folgenden fünf Schlagzeugen. Denn ein wirklich außergewöhnliches Drumset muss nicht zwangsläufig gigantisch sein. Es kann schief stehen, elektronische und akustische Klangerzeugung miteinander verbinden oder speziell an die körperlichen Voraussetzungen seines Spielers angepasst sein.
Terry Bozzio, Nicko McBrain, Anika Nilles, Daru Jones und Rick Allen haben völlig unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage gefunden: Wie muss ein Schlagzeug aussehen, damit es genau zu meiner Musik und meiner Spielweise passt?
Terry Bozzio: Wenn das Drumset zum Orchester wird
26 Toms, zwei Snares, acht Bassdrums, 53 Becken inklusive Ride-Gong und 22 Pedale. Dazu Xylophon, Glockenspiel, chromatisch gestimmte Gongs, Elektronik und jede Menge Percussion.
Man kann Terry Bozzios großes Kit natürlich auf solche Zahlen reduzieren. Damit würde man aber ausgerechnet das Interessanteste daran übersehen.
Denn Bozzio sammelt nicht einfach Trommeln. Er organisiert Tonhöhen.
Bekannt wurde der 1950 in San Francisco geborene Drummer unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit Frank Zappa. Stücke wie das berüchtigte „The Black Page“ machten schon früh deutlich, dass Bozzio Rhythmus nicht unbedingt so betrachtet wie der Rest der Drummer-Welt. Später entwickelte er diesen Gedanken immer weiter – bis hin zu einem Drumset, das weniger Schlagzeug als orchestrales Solo-Instrument ist.
Besonders deutlich wird das bei seinen Piccolo-Toms. 14 Exemplare in 8″ x 3″ sind chromatisch von einem hohen C über eine Oktave abwärts gestimmt. Weitere Toms setzen das Konzept fort. Auch Bassdrums, Snaredrums, Gongs und andere Instrumente besitzen definierte Tonhöhen.
Bozzio kann dadurch nicht nur rhythmische Figuren spielen, sondern Melodien, Intervalle und harmonische Strukturen über das Set verteilen.
22 Pedale und eine Menge Koordination
Wer ein solches Instrument baut, bekommt allerdings ein Problem: Irgendwann reichen zwei Hände und zwei Füße nicht mehr aus.
Bozzios Fußabteilung ist deshalb fast ebenso faszinierend wie die Trommellandschaft über ihr. Sein Setup umfasst zahlreiche DW-Pedale und Remote-Konstruktionen. Bassdrums in unterschiedlichen Stimmungen treffen auf mehrere Hi-Hats und fußbediente Percussion. Selbst Djembe, Foot-Tom, Gong und diverse Effektinstrumente können Teil dieser unteren Spielebene sein.
Bei den Trommeln setzt Bozzio auf DW, bei den Becken auf seine Sabian-Radia-Modelle. Ergänzt wird die akustische Welt unter anderem durch Roland HandSonic, Korg Wavedrum und MIDI-Trigger. Die getriggerten Trommeln können dabei elektronisch mit der Tonhöhe verstärkt werden, auf die auch der jeweilige akustische Kessel gestimmt ist.
Und dann stehen da noch die Gongs.
Kurz gesagt: Wer bei diesem Set den Aufbauplan verliert, sollte vermutlich nicht darauf hoffen, rechtzeitig zum Soundcheck fertig zu werden.
Doch hinter den beeindruckenden Dimensionen steckt eine konsequente Idee: Bozzio hat aus dem Schlagzeug ein chromatisches Instrument gemacht. Sein Setup ist deshalb eines jener Monsterkits, bei denen die enorme Zahl an Trommeln, Becken und Percussion-Instrumenten keinem Selbstzweck folgt, sondern Teil eines durchdachten musikalischen Systems ist.
Nicko McBrain: Willkommen in der Tom-Festung
Bei Iron Maiden darf vieles groß sein: Eddie, die Bühnenbilder, die Gitarrenharmonien – und selbstverständlich auch das Schlagzeug.
Seit Nicko McBrain 1982 bei der britischen Metal-Institution einstieg, gehörte seine gewaltige Tom-Landschaft praktisch zum Bühnenbild. Während andere Metal-Drummer ihren Arbeitsplatz mit zwei Bassdrums oder Doppelpedalen aufrüsteten, blieb McBrain ausgerechnet bei einem scheinbar antiquierten Konzept: eine Bassdrum, ein Pedal.
Und damit spielte er Iron Maiden.
Genau dieser Gegensatz macht seinen Aufbau so reizvoll. Oberhalb der Gürtellinie wartet eine regelrechte Batterie aus Toms, darunter bleibt die Bassdrum-Abteilung erstaunlich traditionell.
Charakteristisch für McBrains Setup sind vor allem die ungewöhnlich tiefen Toms. Sein aktuelles Set bei British Drum Co. umfasst 6″ x 8″, 8″ x 8″, 10″ x 10″, 12″ x 12″, 13″ x 13″, 14″ x 14″, 15″ x 15″ und 16″ x 16″ Rack Toms, ergänzt durch ein 18″ x 16″ Floor Tom und eine 24″ x 18″ Bassdrum.

Was heute ziemlich außergewöhnlich aussieht, war in den 1980er-Jahren allerdings durchaus eine Modeerscheinung. Die sogenannten Square Sizes, bei denen Durchmesser und Kesseltiefe identisch dimensioniert waren, gehörten damals bei zahlreichen Herstellern und Drummern zum angesagten Look und Sound. Tiefe Toms prägten nicht zuletzt das imposante Erscheinungsbild vieler Rock- und Metal-Kits dieser Zeit.
In den 1990er-Jahren drehte sich der Trend wieder. Die Kessel wurden zunehmend kürzer und damit auch die Drumsets kompakter. McBrain blieb seiner bevorzugten Dimensionierung jedoch weitgehend treu. Zwar kamen auf einigen Tourneen auch etwas weniger tiefe Power Sizes zum Einsatz, doch die mächtigen Tom-Dimensionen wurden über die Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil seines Setups.
Und das hat nicht nur optische Gründe. Die große Kesseltiefe erlaubt McBrain, seine Toms vergleichsweise hoch zu stimmen und trotzdem reichlich Fundament, Body und Projektion zu behalten. Gerade in Verbindung mit seinen schnellen, weit über das Set laufenden Fills entsteht so dieser charakteristische Mix aus klarer Tonhöhe, Attack und mächtigem Volumen.
Was in den Achtzigern als Trend begann, wurde bei Nicko McBrain damit zum persönlichen Markenzeichen.
Das Ergebnis sieht aus wie eine Wand aus Trommeln, die sich halbkreisförmig um den Drummer legt.
2024 zog sich McBrain von den Live-Auftritten mit Iron Maiden zurück. Sein Setup und vor allem seine eigenwillige Herangehensweise an das Metal-Drumming bleiben trotzdem unverwechselbar.
Anika Nilles: Ein neues Cockpit für Rush
Ein neues Schlagzeug für Rush zu entwickeln, ist kein gewöhnlicher Endorsement-Termin.
Denn hinter diesem Drum-Riser steht ein gewaltiger Schatten: Neil Peart.
Für die „Fifty Something“-Tour entstand deshalb gemeinsam mit Anika Nilles und TAMA ein Custom-Kit, das zwei Dinge gleichzeitig schaffen muss: Es soll die Klangwelt von Rush glaubwürdig transportieren, darf Nilles aber nicht zu einer Neil-Peart-Kopie machen.
Die Basis bilden TAMA STAR Bubinga Kessel in einem Custom Matte Green Metallic Finish. Bubinga liefert dabei den tiefen, druckvollen Charakter, der auf großen Bühnen gefragt ist.
Die akustische Grundkonfiguration wirkt zunächst fast überschaubar: 22″ x 14″ Bassdrum, 12″ x 8″ und 13″ x 9″ Rack Toms, zwei 16″ x 16″ Floor Toms und ein 18″ x 16″ Floor Tom.
Dann wird es interessanter.
Concert Toms als Gruß an Neil Peart
Ein speziell für Nilles gebautes 20″ x 4″ Gong Drum erweitert das Set. Dazu kommen drei Concert Toms in 6″ x 6″, 8″ x 7″ und 10″ x 8″.
Und ausgerechnet diese kleinen Trommeln erzählen eine der schönsten Geschichten des gesamten Aufbaus.
Während das Hauptset aus Bubinga besteht, wurden die Concert Toms aus Ahorn gefertigt. Der Hinweis dazu kam von Lorne Wheaton, dem langjährigen Drumtech von Neil Peart: Peart bevorzugte bei Concert Toms hellere Hölzer, um ihnen mehr Präsenz und Durchsetzungsvermögen zu geben.
So wird aus einem Materialdetail eine kleine Verbeugung vor der Geschichte von Rush.

Akustisches Set trifft Samples
Mindestens genauso wichtig ist die elektronische Ebene. Roland-Trigger an ausgewählten akustischen Trommeln ermöglichen es, zusätzliche Sounds anzusteuern und akustische Signale mit elektronischen Klanganteilen zu verbinden. Dazu kommen ein Roland SPD-SX und Bar Trigger.
Das ist bei Rush alles andere als Spielerei. Wer diese Musik live reproduzieren will, muss eine Klangwelt abbilden, die weit über ein rein akustisches Drumset hinausgeht.
Bei den Becken setzt Nilles auf Meinl. Neben Modellen aus den Pure-Alloy- und Byzance-Serien kommen für Rush unter anderem 14″ Artist Design Lunar Hats und ein massives 22″ Artist Design Lunar Ride mit großer Bell zum Einsatz.
Beim Rush–Kit kam zunächst ein Prototyp ihrer später veröffentlichten TAMA Signature Snare zum Einsatz. Das Serienmodell AN1465 besitzt einen 14″ x 6,5″ großen Aluminiumkessel und entstand über mehrere Jahre Entwicklungsarbeit. Ziel war eine Kombination aus sattem Low-End, klarer Teppichansprache und einem Vintage-inspirierten Charakter. Ein integrierter Muffler ermöglicht zudem schnelle Wechsel zwischen offenem und gedämpftem Klang.
Das Rush-Set von Anika Nilles ist deshalb kein Museumsstück und auch kein Peart-Replikat. Es ist eine moderne Interpretation einer der anspruchsvollsten Drum-Rollen der Rockgeschichte.
Daru Jones: Wer hat denn dieses Schlagzeug aufgebaut?
Beim ersten Blick auf Daru Jones‘ Set möchte man am liebsten zum Drumtech laufen.
„Entschuldigung, die Snare ist umgekippt.“
Ist sie nicht. Die soll so.
Jones gehört zu den wenigen Drummern, deren Setup man auch ohne Logo und ohne Musiker dahinter sofort erkennen kann. Snare und Toms sind extrem vom Spieler weg und nach vorne geneigt. Selbst die Becken scheinen teilweise einer anderen Vorstellung von Schwerkraft zu folgen.
Was für viele Schlagzeuglehrer nach einer mittelschweren Ergonomie-Katastrophe aussieht, ist für Jones Teil seiner individuellen Spieltechnik und seines Sounds.
Seine Bewegungen sind groß, körperlich und explosiv. Durch die ungewöhnlichen Winkel treffen die Sticks bei seiner Spielweise anders auf Fell und Rim. Knackige Rimshots und kurze, aggressive Sounds passen perfekt zu einer Ästhetik, die stark von Hip-Hop und programmierten Beats geprägt ist.
Gerade bei seiner Arbeit mit Jack White wird daraus ein faszinierender Kontrast: rohe Rock-Energie trifft auf ein Drumming, das stellenweise klingt, als hätte jemand einen Hip-Hop-Beat aus einem Sampler auf eine Rockbühne verpflanzt.
Klein, schief – und unglaublich flexibel
Noch interessanter wird Jones‘ Konzept, wenn man sich seine Zusammenarbeit mit PDP anschaut.
Das PDP New Yorker Daru Jones Kit ist geradezu das Gegenteil von Terry Bozzios Instrumentenpark. Die Bassdrum misst kompakte 18″ x 11″, dazu kommen ein extrem flaches 10″ x 5″ Rack Tom und ein 14″ x 7″ Floor Tom. Als Hauptsnare dient eine 13″ x 6″.
Und dann wären da die Snoms.
Der Name setzt sich aus Snare und Tom zusammen – und beschreibt ziemlich genau, was passiert. Toms werden mit einem Snareteppich ausgestattet, der sich zuschalten lässt. So kann dieselbe Trommel wahlweise als Tom oder als tiefer Snare-artiger Klanglieferant eingesetzt werden.
Das ist für Jones‘ Sound ideal: wenige Trommeln, dafür mehrere Klangfunktionen.
Ähnlich eigenwillig geht es bei den Becken weiter. Jones arbeitet mit Paiste und seiner PST X DJs 45 Signature Collection. Kleine Hi-Hats und trashige Stacks liefern kurze, Sample-artige Sounds. Als Gegenpol kann in größeren Live-Setups ein mächtiges 26″ Giant Beat auftauchen.
Daru Jones beweist damit das genaue Gegenteil von Bozzio: Ein verrücktes Drumset muss nicht groß sein. Manchmal reicht es, nahezu jede traditionelle Aufbaukonvention zu ignorieren – vorausgesetzt, man weiß genau, warum man es tut.
Rick Allen: Ein Drumset neu erfinden
Bei den ersten vier Drummern dieser Liste geht es um Klangvorstellungen, musikalische Anforderungen und individuelle Spieltechniken.
Bei Rick Allen ging es zunächst um etwas Grundsätzlicheres: überhaupt weiter Schlagzeug spielen zu können.
Am 31. Dezember 1984 verlor der Def-Leppard-Drummer bei einem schweren Autounfall seinen linken Arm. Für einen professionellen Schlagzeuger hätte das wie das Ende seiner Karriere wirken können. Doch Allen begann, die Aufgaben seines fehlenden Arms auf seine Füße zu übertragen.
Und genau hier spielte Simmons eine entscheidende Rolle.
Der britische Hersteller gehörte damals zu den Pionieren elektronischer Drums. Gemeinsam mit Allen und seinem technischen Umfeld entstand ein individuell auf seine neuen körperlichen Voraussetzungen zugeschnittenes elektronisches Schlagzeug. Das Entscheidende daran: Nicht der Drummer musste sich einem vorhandenen Instrument anpassen – das Instrument wurde an den Drummer angepasst.
Wenn der linke Fuß zur linken Hand wird
Die grundlegende Idee war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Ein elektronischer Drum-Sound muss nicht zwingend durch einen Stickschlag auf einem Pad ausgelöst werden. Ein Trigger-Impuls kann genauso gut von einem Pedal kommen.
Also wurden Aufgaben, die Allen zuvor mit der linken Hand gespielt hatte, auf die Füße verlagert. Links entstand eine ganze Batterie elektronischer Pedale, über die er unter anderem Snare-, Tom- und weitere elektronische Sounds auslösen konnte. Der rechte Fuß übernahm weiterhin die Bassdrum.
Damit wurde aus dem Fuß keine bloße Ersatzlösung. Er wurde musikalisch zu einer zusätzlichen Hand.
Gleichzeitig musste das gesamte Layout des Schlagzeugs neu gedacht werden. Pads, Trommeln und Becken mussten so positioniert sein, dass Allen sie mit seiner rechten Hand möglichst effektiv erreichen konnte, während seine Füße einen erheblich größeren Teil der rhythmischen Arbeit übernahmen.
Das war weit mehr als eine technische Modifikation. Allen musste eine über Jahre entwickelte Koordination neu organisieren. Bewegungsabläufe, die bei einem Drummer normalerweise auf vier Gliedmaßen verteilt sind, mussten anders gedacht, geübt und schließlich wieder so selbstverständlich werden, dass darüber Musik entstehen konnte.
Simmons und die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung waren dafür von zentraler Bedeutung. Ohne Trigger, elektronische Sounds und eine frei konfigurierbare Pedalsteuerung wäre ein derart individuell angepasstes Instrument Mitte der Achtziger kaum vorstellbar gewesen.
Und was passiert mit der Hi-Hat?
Für Drummer wird die Konstruktion an diesem Punkt besonders interessant.
Normalerweise besitzt der linke Fuß am Drumset bereits einen festen Job: Er kontrolliert die Hi-Hat. Bei Allen muss dieser Fuß jedoch unter anderem Aufgaben übernehmen, die normalerweise die linke Hand erledigt – allen voran die Snare.
Eine Lösung besteht deshalb in mehreren fest montierten Hi-Hat-Paaren mit unterschiedlichen Öffnungsgraden. Statt während des Spielens ein einzelnes Paar mit dem Fuß zu öffnen und zu schließen, kann Allen zwischen unterschiedlichen Hi-Hat-Sounds wechseln. Ein Paar kann beispielsweise geschlossen eingestellt sein, ein weiteres halboffen und ein anderes weiter geöffnet.
Den Wechsel übernimmt nicht der Fuß. Allen wechselt mit dem Stick die Hi-Hat.
Damit wird aus einem scheinbar alltäglichen Bestandteil des Drumsets ein System, das exakt auf seine Spielweise zugeschnitten ist.
Das Comeback – und „Hysteria“
Dass dieses Konzept funktionierte, bewies Allen bereits Mitte der Achtziger.
1986 kehrte er mit Def Leppard auf die Bühne zurück. Anschließend war er auf „Hysteria“ zu hören. Das 1987 erschienene Album wurde zu einem der entscheidenden Werke der Band und katapultierte Def Leppard endgültig in die oberste Liga des internationalen Stadionrocks.
Damit war das ungewöhnliche Drumset längst mehr als eine technische Lösung. Allen hatte nicht versucht, seine frühere Spielweise einfach irgendwie zu kopieren. Er hatte gemeinsam mit Technikern ein Instrument geschaffen, das eine neue Spieltechnik überhaupt erst möglich machte.
Vom Simmons-Kit zum modernen Hybrid-Setup
Und die Entwicklung blieb nicht in den Achtzigern stehen.
Aus den markanten elektronischen Simmons-Konstruktionen entwickelte sich über die Jahrzehnte ein modernes Hybrid-Setup, das akustische Trommeln und elektronische Klangerzeugung miteinander verbindet.
Heute spielt Allen ein auf seine speziellen Anforderungen zugeschnittenes Yamaha-Setup, bei dem akustische Drums mit elektronischen Komponenten kombiniert werden. Bei den Becken setzt er auf Zildjian. Die Grundidee ist damit mehr als vier Jahrzehnte nach seinem Unfall noch immer dieselbe: Akustische und elektronische Instrumente werden so miteinander verbunden, dass sie sich optimal an seine besondere Spieltechnik anpassen.
Auch die Pedalsteuerung bleibt dabei ein zentraler Bestandteil. Sounds, die bei einem konventionellen Drumset mit der linken Hand gespielt würden, können über die Füße ausgelöst werden, während die akustischen Trommeln gleichzeitig die Dynamik und Direktheit eines großen Rock-Drumsets liefern.
Damit erzählt sein heutiges Kit gewissermaßen die gesamte Geschichte seiner Karriere in einem einzigen Instrument: von den elektronischen Möglichkeiten der Simmons-Ära bis zum modernen akustisch-elektronischen Hybrid-Drumset.
Bei Rick Allen ist das außergewöhnliche Schlagzeug deshalb untrennbar mit dem Drummer verbunden. Es ist weder Showeffekt noch Materialschlacht. Es ist ein Instrument, das für seinen Spieler neu gedacht wurde – und sich seit den ersten Simmons-Konstruktionen immer wieder mit ihm weiterentwickelt hat.
Fazit: Das perfekte Drumset gibt es nicht
26 Toms oder zwei. Acht Bassdrums oder eine. Alles akkurat angeordnet oder scheinbar kurz vor dem Umkippen. Rein akustisch oder mit Triggern, Samples und elektronischen Pedalen erweitert.
Was ist davon richtig? Alles.
Denn Terry Bozzio, Nicko McBrain, Anika Nilles, Daru Jones und Rick Allen zeigen auf sehr unterschiedliche Weise, dass es beim Aufbau eines Schlagzeugs keine universelle Wahrheit gibt.
Bozzio benötigt ein chromatisch organisiertes Orchester, weil er Melodien und harmonische Strukturen auf Trommeln übertragen will. McBrain baute sich eine monumentale Tom-Landschaft, die ebenso zu seinem Spiel wie zur Ästhetik von Iron Maiden gehört. Nilles verbindet für Rush die Vergangenheit eines Neil Peart mit heutiger Hybrid-Technologie. Jones stellt vermeintliche Ergonomie-Regeln auf den Kopf, weil die daraus entstehende Spielweise genau seinen Sound produziert. Und Allen musste die traditionelle Aufgabenverteilung aller vier Gliedmaßen grundsätzlich neu organisieren.
Vielleicht steckt darin die interessanteste Lektion für uns Drummer.
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit mit der Frage, wie man ein Schlagzeug „richtig“ aufbaut. Wie hoch muss die Snare sein? Welcher Winkel ist beim Tom ergonomisch? Wo gehört das Ride hin? Ein oder zwei Rack Toms? Eine oder zwei Bassdrums?
Natürlich gibt es gute ergonomische Gründe für viele dieser Regeln. Aber ein Drumset ist kein genormter Arbeitsplatz.
Es ist ein Instrument, das sich dem Menschen dahinter anpassen darf.
Und manchmal entstehen genau dann, wenn jemand die vermeintlich richtige Lösung ignoriert, die Drumsets, die wir Jahrzehnte später noch auf einem einzigen Foto erkennen.
